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Kreis Neu-Ulm

10.04.2015

Mutter eines Neunjährigen starb - wie eine fremde Frau ihm half

Der Verein „Chance auf Bildung – Zeit für Kinder“ richtet sich mit dem „Begleiter in schweren Zeiten“ an Eltern, die sich krankheitsbedingt nicht um ihre Kinder kümmern können.
Bild: Alexander Kaya

Seine Mutter starb, als er neun Jahre alt war. Heute sagt der Bub, die dunklen Stunden hätte er nur schwer ertragen, wäre da nicht eine 70-jährige Frau gewesen.

Noch nie zuvor hatten sich Onur und Gertraud Seger* gesehen – und doch sollte sie für den Buben einer der wichtigsten Menschen werden. Im Frühjahr 2008 lernten sich die beiden kennen: „Ich wurde ins Lehrerzimmer gerufen und da stand sie dann“, sagt der heute 14-Jährige, der lieber anonym bleiben möchte.

Auch die 56 Jahre ältere Frau will ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen – beiden ist etwas unwohl dabei, schließlich sei das Ganze eine nicht so einfache Familienangelegenheit. Seger wurde damals von Onurs schwerkranker Mutter um Hilfe gebeten. „Sie wollte Unterstützung für ihr Kind, weil es ihr selbst immer schlechter ging“, sagt die 70-Jährige, die seither viel mit Onur unternimmt und ihm auch zur Seite stand, als seine Mama schließlich starb.

Sieben Jahre dauert diese Freundschaft der etwas anderen Art nun schon an. Über die Umstände des Kennenlernens spricht Onur nur ungern. Seine sterbenskranke Mutter bat 2008 den Nersinger Verein „Chance auf Bildung – Zeit für Kinder“ um Hilfe.

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Der Freistaat und die Krankenkassen würden zwar psychologische Hilfe für Familien in so einer Situation fördern, doch oft sei eine ganz andere Unterstützung notwendig, sagt Psychologin Eva Maria Christel. Der Verein habe Familien in Not – wie die von Onur – einen Begleiter zur Seite stellen wollen, „eine außenstehende Person, die selbst nicht trauert, gelöst von all dem ist und Zeit hat, mit den Kindern etwas zu unternehmen“.

Sie machte mit ihm Hausaufgaben und redete mit ihm

Das war der Grund, weshalb das Projekt offiziell gegründet wurde und den Namen „Begleiter in schweren Zeiten“ bekam. „Die Zeit mit den Ehrenamtlichen soll dabei kein Ersatz für eine Therapie sein“, sagt Psychologin Christel, die sich mit einer Kollegin um die Begleiter kümmert und sie schult. Von anfangs etwa sechs Interessierten sind heute noch drei Ehrenamtliche übrig.

„Einige sind abgesprungen, weil sie doch gemerkt haben, dass sie die Zeit nicht aufbringen können“, sagt Christel. Dabei sei das Ganze gar nicht so aufwendig, findet Begleiterin Seger, die im selben Ort im nördlichen Landkreis wie Onur wohnt. Anfangs habe sie die Familie zweimal in der Woche besucht, mit Onur Hausaufgaben gemacht, mit ihm gesprochen und ihn in der schwierigen Zeit unterstützt, in der sich der damals Neunjährige damit auseinandersetzen musste, dass seine Mutter sterben wird.

Seger hat durch Zufall vom Nersinger Verein erfahren. „Ich habe Schulungen besucht und nach Gesprächen mit den Organisatoren lernte ich Onur kennen“, sagt die 70-Jährige, die selbst drei Kinder und sechs Enkel hat. Nicht nur für den Jugendlichen ist das Projekt „Begleiter in schweren Zeiten“ ein Segen: „Mir tut das so gut, Zeit mit ihm zu verbringen.

Ich bleibe dadurch fit, lerne eine andere Kultur kennen und für meine grauen Zellen ist das gemeinsame Hausaufgabenmachen auch gut“, sagt Seger. Sie rät allen, die Zeit übrig haben, sich bei der Nersinger Organisation zu engagieren: „Man bekommt so viel Unterstützung“, sagt sie. Eva Maria Christel hofft, dass sich noch mehr Menschen melden, wie die 70-Jährige. Dass es sich lohnt, sich ehrenamtlich zu engagieren, wird am Beispiel des 14-Jährigen und Gertraud Seger deutlich: Die Rentnerin sei sozusagen ein Engel für ihn und seine Familie gewesen, sagt er.

*Beide Namen wurden von der Redaktion geändert

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