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Ulm

06.01.2020

Nahverkehr: 365-Euro-Ticket oder Mobil-Flat?

Einzelfahrscheine könnten teurer werden, Abos billiger – oder kommt statt einer günstigen 365-Euro-Jahreskarte eine Mobil-Flat für Ulm?
Bild: Alexander Kaya

Plus Der öffentliche Nahverkehr soll besser und beliebter werden. Ein neues Fahrkartensystem könnte helfen – doch ein ähnlicher Versuch ist vor Jahren gescheitert

Bus und Straßenbahn sollen attraktiver werden und mehr Fahrgäste anlocken. Denn die Schadstoffemissionen sollen sinken, das haben sich Kommunalpolitiker aller Fraktionen im Ulmer Gemeinderat vorgenommen. Und: Die Straßen in der Stadt kollabieren zu den Stoßzeiten, Probleme mit baufälligen Brücken verschärfen diesen Zustand. Ein Ansatz ist, die Tarife und Ticketpreise zu verändern. Aber wie? Die Grünen setzen auf ein 365-Euro-Ticket für die Stadt, die CDU setzt auf eine Mobil-Flat.

Eine Jahreskarte, die pro Tag umgerechnet einen Euro kostet – diese Idee steckt hinter dem 365-Euro-Ticket. Österreichs Hauptstadt Wien hat dieses Angebot eingeführt und gleichzeitig die Preise für Einzelfahrscheine und Parktickets deutlich angehoben. Die Zahl der Jahresabonnenten ist deutlich gestiegen, seit die österreichische Hauptstadt an ihrem Stadtentwicklungsplan arbeitet. Der sieht vor, dass bis 2025 nur noch 20 Prozent der Verkehrsteilnehmer mit dem Auto durch die Stadt fahren.

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Nahverkehr: 365-Euro-Ticket oder Mobil-Flat?

Forscher um den Kasseler Professor Carsten Sommer haben aber herausgefunden, dass nicht das 365-Euro-Ticket der Hauptgrund für die Entwicklung im Wiener Nahverkehr ist. In einem Artikel in der Fachzeitschrift Der Nahverkehr aus dem September 2018 schreiben die Wissenschaftler: „Die Verkehrsnachfrage wird im Wesentlichen durch die Raum- und Siedlungsstruktur, das Verkehrsangebot mit seinen Eigenschaften und das individuelle Mobilitätsverhalten bestimmt.“ Konkret heißt das unter anderem: In Wien leben viele Studenten und Arbeitslose, die kein Auto haben; die Einwohnerzahl ist gestiegen und mit ihr die Zahl der ÖPNV-Nutzer; das Umweltbewusstsein ist gewachsen. Der Preis, folgern die Forscher, hat die Nachfrage nur gering beeinflusst. Ulms Finanzbürgermeister Martin Bendel argumentierte zuletzt ähnlich: Die Stadt solle eher Geld für bessere Linien als für günstigere Fahrscheine ausgeben, forderte er.

Die Mobil-Flat gibt es seit 1. November in Augsburg, die dortigen Stadtwerke sind mit ihrem Angebot Pioniere. Wer ein Paket bucht, kann Bus und Tram, Carsharing-Auto und Leihrad nutzen. Je nachdem wie oft Carsharing genutzt wird, müssen Kunden dafür 79 oder 109 Euro monatlich bezahlen. Aktuell knapp 300 Abonnenten, die sich gleichmäßig auf die beiden Pakete verteilen, haben sich bislang für die Mobil-Flat entschieden, berichtet Jürgen Fergg, Pressesprecher der Stadtwerke Augsburg (SWA).

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Bundesweit erstmalig biete man ein solches Paket, melden die SWA stolz. Vor fünf Jahren scheiterte ein ähnlicher Anlauf des Nahverkehrsverbunds Ding – am Pech. Zum 1. Juli 2014 war das Ticket2Mix eingeführt worden, es sollte laut Plan zunächst für zwei Jahre als Versuch angeboten werden. Die Abo-Jahreskarte für den Nahverkehr wurde durch Leihauto-Angebote erweitert, Kunden mussten dafür 4,50 Euro zusätzlich bezahlen. Doch der Anbieter car2go zog sich Ende 2014 aus Ulm zurück, laut Betreiber Daimler hatte sich der Dienst in der Doppelstadt nicht gerechnet. Die örtlichen Verantwortlichen, erinnert sich Ding-Pressesprecher Markus Zimmermann, seien von diesem Schritt überrascht worden. Das Aus für car2go bedeutete auch das Aus für ticket2mix.

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Heute wäre ein ähnlicher Versuch auch ohne Hilfe des Stuttgarter Autokonzerns möglich: Durch eine Kooperation von Ding und den Stadtwerken Ulm/ Neu-Ulm, die bereits Busse und Straßenbahnen für den Verkehrsverbund betreiben. Grundsätzlich sei das denkbar, heißt es bei den SWU, die Entscheidung liege bei Ding. Einen ersten, kleinen Ansatz gibt es schon: Für Besitzer von Ding-Jahreskarten ist die Registrierung beim Stadtwerke-Leihautodienst swu2go kostenlos und die monatliche Grundgebühr halbiert sich auf fünf Euro.

Zum Angebot swu2go gehören inzwischen 26 Ladestationen und 26 Leih-Elektroautos vom Typ Renault Zoe: je eins in Illertissen und Vöhringen, sieben in Ulmer Ortschaften, 14 im Alb-Donau-Kreis zwei im Kreis Heidenheim und eins im Kreis Biberach. 18 weitere Autos und Standorte sind bereits beschlossen, unter anderem in Oberelchingen, Unterelchingen und Thalfingen sowie in Gerlenhofen. „Insgesamt sind die Stadtwerke mit der Resonanz von swu2go zufrieden. Es erweist sich tatsächlich als ein Angebot, das den ÖPNV in der Fläche sinnvoll ergänzt oder sogar Lücken in der ÖPNV-Bedienung schließen kann“, schildert Stadtwerke-Sprecher Bernd Jünke. Gerade für die neuen Standorte gelte aber: Es brauche Zeit, bis sich ein Standort herumspricht und etabliert.

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Für eine Mobil-Flat wie in Augsburg wären weitere Autos und Stationen im Zentrum von Ulm und Neu-Ulm wohl unerlässlich. Kommen sie? Stadtwerke-Sprecher Jünke verweist auf die Städte: „Die städtischen Gremien entscheiden, ob in der Innenstadt ein Car-Sharing-Angebot eingerichtet werden soll und wer es betreiben soll.“ Käme swu2go in die Innenstädte, würde das Angebot einem anderen Leihautodienst Konkurrenz machen: Der Ulmer Anbieter Conficars hat 16 Autos in Ulm, vier in Neu-Ulm und zwei in Weißenhorn abgestellt, die Kunden kurzfristig buchen und ausleihen können.

Zum Augsburger Mobil-Paket gehören auch Leihräder – die die SWU nicht im Portfolio haben. Ob sich das ändere, hänge ebenfalls von den Städten ab, sagt SWU-Sprecher Jünke. Diese entscheiden, welche Aufgaben die Stadtwerke und ihre Töchter übernehmen sollen.

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