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Ulm

04.06.2019

Neue Ausstellung: Das Stadthaus lüftet den Schleier

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2 Bilder
Verschiedene Kopfbedeckungen – muslimische, aber auch christiliche und jüdische – sind auf Ebene zwei im Stadthaus zu sehen.
Bild: Marcus Golling

„Perücke, Kopftuch, Ordenstracht“: Die neue Schau im Stadthaus Ulm blickt informativ und ohne ideologischen Eifer auf Formen weiblicher Kopfbedeckung in Islam, Judentum und Christentum.

Wer die Frauenfeindlichkeit des Islam beklagt, sollte einen Blick in den Korintherbrief des Apostels Paulus werfen: „Jede Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt ( …). Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz.“ Egal ob Islam, Christentum oder Judentum: In allen drei großen monotheistischen Religionen existieren, je nach Auslegung, Gebote, ob und wie Frauen ihr Haar zu bedecken haben. Das Stadthaus Ulm nimmt sich in seiner neuen Ausstellung „Perücke, Kopftuch, Ordenstracht“ des Themas an – ästhetisch reizvoll, informativ und sachlich.

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Genau darum ging es Stadthaus-Leiterin und Co-Kuratorin Karla Nieraad: „Wir wollten den Eifer und die Ideologie aus dem Thema herausnehmen.“ Denn Hintergrund der Schau ist natürlich die Debatte um die Verschleierung muslimischer Frauen, die in ganz verschiedenen politischen Lagern die Gemüter erhitzt. Rechtspopulisten glauben in „Kopftuchmädchen“ den Untergang des Abendlands zu erkennen, Feministinnen sehen in der Hidschab ein Symbol für die Unterdrückung der Frau. Wer für den deutschen Staat arbeitet, darf kein Kopftuch tragen; in manchen Ländern sind Gewänder, die auch das Gesicht bedecken, sogar verboten. Aber es gibt eben auch Frauen, die auf das Recht pochen, ihren Glauben durch ihre Kleidung zu zeigen.

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Ein Teil der Ausstellung entstand für das Jüdische Museum Berlin

Die Ausstellung besteht aus drei unabhängig voneinander entstandenen Teilen. Der erste, „Cherchez la femme“, wurde ursprünglich für das Jüdische Museum Berlin konzipiert. Ein guter Einstieg, versorgt er die Besucher mit dem notwendigen Wissen – anhand von verschiedenen Kopfbedeckungen von Musliminnen, Jüdinnen und Christinnen. Wer den Unterschied zwischen einem Tschador und einer Niqab nicht kennt, bekommt ihn anhand von Exponaten erklärt; er sieht aber auch Ordensschleier katholischer Nonnen und Perücken, wie sie von chassidischen Frauen getragen werden. In dieser orthoxen jüdischen Richtung ist das Zeigen des eigenen Haars in der Öffentlichkeit ebenso tabu wie für strenge Muslimas. Weiter gespielt wird das Thema durch künstlerische Positionen, etwa von der in einer solchen Gemeinde aufgewachsenen Anna Shteynshleyger: Ihre Arbeit zeigt, wie sie zwei Perücken gleichzeitig trägt, eine so, dass sie das Gesicht bedeckt. Die Zerstörung der eigenen Individualität: ein wichtiges Punkt der Ausstellung.

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Ganz anders im Stadthaus-Kabinett, wo die Serie „En attendant l’Eternité“ der Fotografin Laurence von der Weid zu sehen ist. Die Schweizerin lebte zehn Tage in einem Benediktinerinnen-Kloster und hielt dort die eigenwillige Atmosphäre unter den Nonnen fest: Man sieht Demut und Verzicht, aber auch stilles Glück und Zufriedenheit. Die Ordenstracht, sie ist auf diesen Bildern nur ein Kennzeichen der Gemeinschaft.

Frauen bestimmen über ihr Leben - und über ihren Kopf

Den Schlussakkord der Ausstellung setzt im obersten Stockwerk das Projekt „Aus meiner Sicht“, für das Schüler des Ulmer Hans-und-Sophie-Scholl-Gymnasiums acht ganz verschiedene Frauen fotografierten und interviewten. Sie sprechen über ihre Beweggründe, mit oder ohne Kopfbedeckung zu leben. Keine der Frauen, so Kuratorin Nieraad, habe sich so geäußert, dass sie die Haltung der anderen nicht akzeptieren könne. Also überall nur Friede und Freundschaft? Nirgendwo Zwang und Unterdrückung?

Man darf diesen Teil der Ausstellung ruhig als naiv kritisieren – oder auch als utopisch verstehen. Kuratorin Nieraad liegt vor allem die weibliche Perspektive am Herzen. Im Stadthaus zu sehen sind Frauen, die selbst über ihr Leben bestimmen – und über ihren Kopf.

„Perücke, Kopftuch, Ordenstracht“ wird am Dienstag, 4. Juni, um 19 Uhr eröffnet und läuft danach bis 8. September. Der Eintritt ist – wie immer im Stadthaus – frei.

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