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13.10.2008

Nicht überall, wo Napoleon dransteht, war Napoleon auch drin

Offenhausen Die Aufstellung einer Stele vor dem "Schlößle" in Offenhausen brachte es ans Licht: Der französische Kaiser Napoleon, der die Landkarte halb Europas durcheinanderwirbelte und dafür sorgte, dass Ulm den Status einer freien Reichsstadt verlor, 1802 bayerisch und 1810 württembergisch wurde, war in Verbindung mit der Schlacht von Elchingen im Offenhausener "Schlößle" abgestiegen.

Memoiren eines Offiziers

Die vor dem Hintergrund der geplanten Stele angestellten Forschungen führten zu den Memoiren des Stabsoffiziers Paul Phillip von Ségur. Dieser verbrachte den gesamten Feldzug des Jahres 1805 in unmittelbarer Nähe Napoleons und berichtet in seinen Memoiren:

"Am nächsten Tag, den 14. Oktober [1805], begab er sich mit Tagesanbruch, ohne sich auf jemand anderes zu verlassen, selbst nach dem Schlosse Hildenhausen, um persönlich das Gefecht, das den Feind von dieser Seite nach Ulm zurückwerfen sollte, zu veranlassen. Gleich darauf ritt er im Galopp das Ufer wieder hinab bis zur Brücke von Elchingen ..."

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Wo aber ist Hildenhausen? Zum einen lassen viele französische Kartenwerke von 1805, was die Rechtschreibung der deutschen Orte angeht, ziemlich zu wünschen übrig. Zum anderen war der dem alten französischen Adelsgeschlecht entstammende Ségur der deutschen Sprache nicht mächtig, weshalb er in seinen Memoiren anstatt Offenhausen einfach "Hildenhausen" setzte.

Darüber, dass es sich hierbei um Offenhausen handeln muss, lässt der historische und geografische Kontext keinerlei Zweifel zu: Napoleon ließ am 14. Oktober 1805 neben Elchingen auch den Ulm gegenüberliegenden Brückenkopf vor der Herdbrücke angreifen, in dem sich die Österreicher verschanzt hatten. Zu diesem Zweck ritt er morgens vom Pfarrhaus in Oberfahlheim, wo er genächtigt hatte, nach Offenhausen, um vom "Schlößle" aus den Angriff auf den Brückenkopf zu veranlassen. Anschließend begab er sich nach Elchingen, um zu sehen, wie es dort lief. Nachdem er festgestellt hatte, dass Marschall Ney die Schlacht auf den Klosterhöhen am Gewinnen war, ritt er noch einmal nach Offenhausen. Die spannend geschriebenen Memoiren Ségurs berichten:

"Dann, aufs Neue die Brücke [von Elchingen] überschreitend, reitet er eilig das rechte Ufer hinauf bis jenseits von Hildenhausen [Offenhausen], um sich auch dieses Angriffs zu versichern, den er mit Tagesanbruch veranlasste. Entschlossen, nur noch seinen eigenen Augen zu trauen, hielt er sich längere Zeit auf einem Erdhügel in der Nähe des Feindes auf, dass wir gezwungen sind, uns als Schützen um ihn aufzustellen und die österreichischen Dragoner mit den Pistolen von seiner Person fernzuhalten ..."

Offenhausen hatte also neben Kurfürst Max Emanuel, der sich im Jahr 1702 ebenfalls bei einem Angriff auf Ulm in Offenhausen die Ehre gab, Besuch von einer weiteren weltgeschichtlichen Persönlichkeit. Die Betreiber des "Schlößle" verhielten sich mit der Darstellung des berühmten Gastes ausnehmend bescheiden und mit Ausnahme eines "Napoleonsteaks" auf der Speisekarte fand sich bislang nirgends ein Hinweis hierauf.

Porträt Napoleons

Die von der Stadt Neu-Ulm vor dem Schlößle aufgestellte Stele wird dies nun bald ändern. Sie zeigt neben einem Hochzeitsbild Georg Zollers von 1879 und historischen Ansichten des "Schlößles" aus zwei Jahrhunderten auch ein Portrait des französischen Kaisers.

Bei Weitem nicht so bescheiden wie das "Schlößle" waren die Betreiber anderer Wirtshäuser. Ein dickes Buch würde sich ohne Mühe füllen lassen mit den Gaststätten, in denen Napoleon sich angeblich aufgehalten haben soll. Hätte der kleine Korse tatsächlich so viel gegessen und geschlafen, wie dies in Hunderten Gasthäusern meist in Form einer Gedenktafel oder eines Gerichtes auf der Speisekarte notiert ist, wäre es mit der Eroberung Europas niemals etwas geworden.

Zu den Gasthäusern in der Region, die sich zu dieser illustren Reihe hinzugesellen, zählt der "Ritter" in Gögglingen. Neben dem Eingang sticht ein erst unlängst erneuertes Schild ins Auge, auf dem steht: "In diesem Haus gastierte Kaiser Napoleon im Jahre 1805 aus Anlass der Schlacht bei Oberelchingen."

Betritt man das Gasthaus selbst, kommt man in eine alte, bürgerliche Stube mit niedriger Decke und einem schönen alten gusseisernen Ofen. An der Wand, auf die man frontal blickt, steht groß gemalt in kunstvollen, teilweise altdeutschen Lettern erneut zu lesen "Anno 1805 war Napoleon I. Bonaparte hier zu Gast".

Schlägt man die Speisekarte auf, so hatte man bis vor Kurzem unter anderem die Wahl zwischen einer französischen Zwiebelsuppe und einem "Rostbraten Napoleon". Die zugehörige Geschichte, die auf den zahlreichen Papiertischdeckchen zu lesen stand, berichtete nun, Napoleon habe in dem Wirtshaus eine Mahlzeit samt Salat bestellt, in welchem er dann eine lebende Schnecke fand. Für diese Ungeheuerlichkeit habe er dann augenblicklich den Wirt erschießen lassen wollen. Da flehte das Töchterlein, das im Jahr 1805 zufällig französisch sprach (!!!), um das Leben des geliebten Vaters und ihre Tränen erweichten das Herz des Kaisers und dieser schenkte ihm das Leben.

Ob die Gebrüder Grimm auch mal im "Ritter" waren? Napoleon jedenfalls war nie in Gögglingen, hat dort nie einen Salat gegessen und die Schnecke, ja die Schnecke. Warum ist sie das Produkt reinster schwäbischer Fantasie?

Aufenthaltsorte genau bekannt

Seriöse Geschichtsschreibung richtet sich nach den Quellen. Da einerseits die Aufenthaltsorte Napoleons um Ulm herum genau bekannt sind und dabei Gögglingen an keiner einzigen Stelle erwähnt ist, muss bereits stutzig machen. Die unglaublich dreiste Schnecken-Erschießungsgeschichte jedoch gibt dem Märchenursprung von Napoleon im "Ritter" historische Gewissheit. Da über keinen Menschen der Welt mehr Bücher geschrieben wurden, als über Napoleon, so schrieben auch zahlreiche Generalstabsoffiziere und rangniedere Soldaten, die Napoleon im Feldzug von 1805 begleiteten, später ihre Memoiren. Darin ist annähernd nichts, was Napoleon gesagt oder getan hat bis hinein zu den banalsten Alltäglichkeiten unerwähnt geblieben, wie beispielsweise wann und wo er ein Omelette gegessen hat, Bier trank, das ihm nicht schmeckte.

Die Ereignisse aber, die sich aus derart Alltäglichem abheben, sind noch viel weniger durch das Netz der mannigfaltigen Memoirenschreiber gefallen. Ja, und die Schnecke, wo ist nun dort die Schnecke? Man sucht sie ebenso wie den Ort Gögglingen vergebens.

Wie aber kam die Geschichte dann in die Welt? Möglicherweise so: In den 1980er Jahren findet der Wirt des "Ritters" in der Küche beim Waschen des Salates eine Schnecke. Er entfernt sie, betrachtet das kleine schleimige Tier und plötzlich durchfährt ihn ein schwäbischer Geistesblitz, wie man die Anziehungskraft seines Gasthauses wesentlich steigern könnte. Der Gedanke wird zur Tat und bald darauf findet sich die privat in Auftrag gegebene Gedenktafel neben dem Eingang, die kunstvolle Schriftmalerei innen an der Wand, die Speisekarte ist um einen "Rostbraten Napoleon" erweitert und das lustige Geschichtchen geistert munter durch die Welt.

Starkes Interesse

1995 fanden Napoleon und die Schnecke dann Eingang in das Buch "Die schönsten Gasthäuser zum Wohlfühlen", während sich dasselbe in der nach wissenschaftlichem Standard erarbeiteten Chronik "900 Jahre Gögglingen 1092-1992" mit keinem einzigen Wort findet. 2005 nahm die Aufdeckung des Märchens unter der Schlagzeile "Napoleon war doch nicht da" ihren Weg in die Süddeutsche Zeitung und die Zeit, was einige Gögglinger gar nicht gut fanden: "Es gibt in Gögglingen ein starkes Interesse, das diese Geschichte im Raum bleibt."

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