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Ulm

30.06.2019

Niedeckens BAP in Ulm: Verdamp lang her – und immer noch wahr

Wolfgang Niedecken (rechts) und seine Band BAP spielten im Ulmer Zelt vor allem alte Songs.
Bild: Andreas Brücken

Wolfgang Niedecken greift im ausverkauften Ulmer Zelt tief ins Archiv und holt brisante Texte hervor. Manche schrieb er in weiser Voraussicht auf das, was sich heute in der Politik abspielt.

Für die aktuelle Tournee „Laut und deutlich“ sind Kölschrocker Wolfgang Niedecken und seine Band BAP tief in ihr musikalisches Archiv gestiegen. Mit dem Song „Drei Wünsch Frei“ aus dem 1984 erschienenen Album „Zwesche Salzjebäck Un Bier“ eröffnet der Sänger die Zeitreise vor dem ausverkauften Zelt: Von einer Fee singt Niedecken darin, die ihm drei Wünsche erfüllen will. Doch Bomben, Hunger und Massaker auf der Welt würden für ihn nur einen Wunsch offen lassen, „doch der ess jeheim“, also geheim, so das Ende des Liedes. Es hat auch nach drei Jahrzehnten – leider nichts von seiner Aktualität verloren.

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Auch der Song von de „Kristallnaach“ (Kristallnacht) bleibt erschreckend zeitgemäß mit den kritischen Zeilen: „...doch die alles, was anders ist stört, die mit dem Strom schwimmen, wie es sich gehört, für die Schwule Verbrecher sind, Ausländer Aussatz, die brauchen wen, der sie verführt.“ Aus dem 1993 stammt das Lied „Widderlich“. In Voraussicht auf die AfD habe er dieses Lied damals schon geschrieben, wie Niedecken sagt: „Ihr seid widerlich, nicht zu ertragen, ihr seid penetrant, wahre Asoziale.“

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Er stellt klar, dass man Menschen nicht im Meer ertrinken lassen darf

Die Rockband aus der Domstadt galt von ihren Anfangstagen an als musikalische Speerspitze der Friedensbewegung. Doch auch fast 30 Jahre nach dem Kaltem Krieg findet Niedecken, der inzwischen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, genug Gelegenheiten, den Finger in die Wunden zu legen, wenn er etwa den Missbrauch von Kindern als Soldaten anprangert oder ohne Zweifel klar stellt, dass man Menschen nicht im Meer ertrinken lassen dürfe. Erst drei Jahre alt ist Niedeckens tragische „Vision vun Europa“ in dem er von einem Flüchtling singt, der in der Hoffnung auf Wohlstand, Glück und Würde nur den Tod im Mittelmeer findet.

Im ausgedehnten Zugabenblock bekommen die rund 1000 Fans im überfüllten Zelt schließlich auch noch den erfolgreichsten Song „Verdamp lang her“ aus dem Jahr 1981 serviert. Doch die Antwort auf die anfangs aufgeworfene Frage, was der „jeheime“ Wunsch ist, bleibt Niedecken schuldig. Doch dürften sich auch die schwäbischen Fans in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Kölner Dialekt des BAP-Sänger so weit vertraut gemacht haben, dass sie sich die Antwort zwischen den kritischen Liedtexten erschlossen haben.

Sichtlich beeindruckt vom Festival, gesteht Niedecken zum Abschied seine Begeisterung für das Ulmer Zelt: „Hinter der Bühne stehen lauter Überzeugungstäter, die eine großartige Atmosphäre schaffen“, sagt er und verspricht, bald wieder zu kommen. Zum Abschluss, nach fast drei pausenlosen Stunden, gibt es als Zugabe noch den Klassiker „Jraduss“, also „Geradeaus“, mit auf dem Heimweg.

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