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Ulm

16.02.2018

Nordische Pracht im Roxy

Die Gitarre nimmt Einar Stray nur selten zur Hand – meistens sitzt der Kopf der norwegischen Band am Piano.
Bild: Otto Leber

Das Einar Stray Orchestra spielt schwelgerischen Pop zwischen Pathos und Verträumtheit. Dabei vergisst man fast, dass die Norweger auch etwas zu sagen haben.

Im Orchestergraben stimmen sich die Instrumente ein: die Violinen, die Celli, die Flöten, Klarinetten und Trompeten. Das Konzertsaal-Intro kommt beim Auftritt des Einar Stray Orchestras im Roxy aus der Konserve, doch eigentlich bräuchte es diesen bürgerlichen Spaß gar nicht. Denn das mit dem „Orchester“ ist schon richtig: Die Songs der Norweger sind so komplex und üppig arrangiert, dass sie mit einem Bein in der E-Musik stehen – und mit dem anderen in der langen Tradition gesellschaftskritischer Popmusik. Ein Spagat, den das Quintett vor 120 Zuhörern im Roxy hinreißend meistert.

Kopf und Herz der Band aus Oslo, die beim Berliner Label Sinnbus veröffentlicht, ist der 1990 geborene Einar Stray, der schon als Teenager als Indie-Wunderkind galt. Vor allem ist er ein Künstler, der andere Einflüsse aufsaugt und zu etwas Neuem vereint. Vieles hat in Strays Musik Spuren hinterlassen: das engagierte Pathos der Indie-Stadionrocker Arcade Fire, die melancholische Verspieltheit von Folk-Querdenker Sufjan Stevens, aber auch Filmmusik und der zarte Impressionismus des französischen Klassikers Erik Satie. Dazu kommt eine spezielle nordische Verträumtheit, wie man sie beispielsweise bei den isländischen Kunstrockern Sigur Rós antrifft.

Diese Mischung ist nicht gerade eine Treibladung in Richtung Charts. Aber damit hat die Band – in der Besetzung Piano, Violine, Cello, Bass, Schlagzeug – offenbar kein Problem: Gleich zum Start spielt sie ein rund zehnminütiges Instrumental, das einmal quer durch die Emotionen steuert, von leichten Piano-Tupfern bis hin zu Post-Rock-Ausbrüchen. Das Einar Stray Orchestra traut sich etwas. Und man folgt ihnen dabei gern: besonders dem Bandleader mit der runden Nerd-Brille, der am Piano sitzt und seine Songs mit ruhigem Erzähl-Bariton vorträgt; der Cellistin Ofelia Østrem Ossum mit Paillettenkleid und gestreiften Neon-Stulpen, die vor sich auf dem Boden eine Effektbatterie wie ein Noise-Rock-Gitarrist hat; oder auch Drummer Lars Fremmerlid, der seinem Instrument ohne große Gefühlsregung ziemlich komplizierte Grooves entlockt.

Man könnte einfach nur überwältigt sein von der Klangfülle, die diese Band zu kreieren im Stande ist, von den unerwarteten Kurven, die die Songs immer wieder nehmen – wenn da nicht noch die textliche Ebene wäre. Denn Stray ist ein Zweifler, der von digitaler Entfremdung, egoistischer Konsumwut, Politik und falsch verstandener Religion singt. Themen, die kaum eine andere Band in so große schwelgerische Pop-Songs übersetzen würde, und nur wenige in so gewitzte Zeilen wie „As Far As I’m Concerned I Am Concerned“ („Soweit es mich betrifft bin ich betroffen“). Doch es geht auch ganz klein: Bei „For The Country“ treten alle fünf Musiker an den Bühnenrand und singen a cappella und Mikrofon vom Abschied eines Soldaten in einen sinnlosen Krieg. Ein Protestsong wie aus den 1960er-Jahren – selbst das kann diese außergewöhnliche Band.

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