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Neu-Ulm

21.05.2019

Pfingsthochwasser 1999: "Ein massiver Ausnahmezustand“

Dramatische Lage in der Neu-Ulmer Innenstadt: Das frühere Erlebnisbad Atlantis, das heutige Donaubad, (Bildmitte) musste beim Pfingsthochwasser 1999 evakuiert werden.
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Dramatische Lage in der Neu-Ulmer Innenstadt: Das frühere Erlebnisbad Atlantis, das heutige Donaubad, (Bildmitte) musste beim Pfingsthochwasser 1999 evakuiert werden.
Bild: Stadtarchiv Neu-Ulm

Plus Vor 20 Jahren wurden die Neu-Ulmer Innenstadt, Teile der Ulmer Altstadt und viele Kommunen an Iller und Donau überflutet. Zwei Einsatzkräfte erinnern sich.

Christian Tylla erinnert sich noch genau an den Anruf, der seinen Bekannten von der Bundeswehr und ihn vor 20 Jahren in Nürnberg erreicht. Tylla, damals wie heute Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Pfuhl, hilft zu jener Zeit bei Rock im Park mit. „Es hieß, wir müssten wieder nach Neu-Ulm zurückkommen. Ich dachte zuerst die spinnen“, erzählt der heute 42-Jährige. Doch die Schilderungen am Handy sind drastisch – so wie die Lage in Neu-Ulm. Denn der Anruf, der Tylla zu seinem wohl größten Einsatz überhaupt ruft, kommt am 21. Mai 1999 – einen Tag, bevor wegen des Pfingsthochwassers Katastrophenalarm ausgelöst wird.

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Als Tylla am Samstagnachmittag in Neu-Ulm ankommt, sieht er zuerst die Adenauerstraße. Sie steht schon unter Wasser, gesperrt ist sie aber noch nicht. Sein erster Gedanke: „Das ist viel Arbeit.“ Am Nachmittag liegt der Pegelstand an der Iller wegen starker Regenfälle in den Alpen bei 649 Zentimetern, an der Donau bei 466 Zentimetern – normal wären an der Iller 450 Zentimeter beziehungsweise an der Donau 35 Zentimeter. Die Pegel werden bis Pfingstsonntag noch weiter steigen.

Pfingsthochwasser 1999: Donauklinik und heutiges Donaubad werden evakuiert

Tylla wird zur Donauklinik geschickt. Dort ist am 22. Mai, gegen 23 Uhr ein Wassereinbruch gemeldet worden, eine Stunde zuvor wurde bereits Katastrophenalarm ausgelöst. Ein Teil der Pfuhler Feuerwehrmänner versucht, den Keller auszupumpen. „Man hat geschafft und geschafft – aber das Wasser ist einfach weitergestiegen. So schnell konnten wir gar nicht arbeiten“, erzählt Tylla. Die Stunden vergehen, doch am Pfingstsonntag 1999, kurz nach 13 Uhr, steht fest: Die Donauklinik muss evakuiert werden. 99 Patienten werden mit Krankenwagen in umliegende Krankenhäuser gebracht.

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Etwa einen Kilometer entfernt ist die Lage genauso verheerend: Auch das Erlebnisbad Atlantis, das heutige Donaubad, muss evakuiert werden. Tylla mit seinem Einsatzteam kommt dort gar nicht mehr an. „Wir sind die Schützenstraße entlang gefahren und mussten auf das Dach des Unimogs steigen, weil das Wasser schon so hoch stand.“ Hinter der Eisenbahnbrücke müssen sie in Richtung der Glacis-Anlagen abbiegen, es gibt kein Durchkommen mehr.

Zigtausende Sandsäcke befüllen die Einsatzkräfte in diesen Tagen

Tyllas nächste Station: Landratsamt, Sandsäcke befüllen. Am Ende werden es Zigtausende sein. „Ich war zum Schluss nur noch am Schaufeln.“ Gegenüber den arbeitenden Einsatzkräften steht eine Menschentraube. „Ich habe darin zwei Kumpel entdeckt und gesagt, sie sollen nicht zuschauen, sondern mithelfen.“ Die Menschentraube löst sich danach auf und Tyllas Freunde kommen kurz darauf zurück – im Blaumann und mit Schaufeln.

„Wir waren alle drei Tage lang durchgehend im Einsatz“, erinnert sich Tylla. „Das war ein massiver Ausnahmezustand.“ Neben dem Hochwasser müssen sich die Einsatzkräfte schließlich auch noch um andere Probleme kümmern: „Wenn jemand einen Herzinfarkt hat, es einen Verkehrsunfall oder einen Brand gibt – das läuft ja alles nebenher weiter und muss auch organisiert werden.“

Am Ende wird in einem Teil der Neu-Ulmer Innenstadt der Strom abgestellt

Michael Steinhilber, ebenfalls ein Mitglied der Pfuhler Feuerwehr, erinnert sich vor allem an die Einsätze wegen der Verteilerkästen. „In denen stand halbhoch das Wasser drin, da haben sie zu Rauchen angefangen“, erzählt der heute 52-Jährige. Viele Bürger sind deshalb besorgt, alarmieren die Feuerwehr. In der Neu-Ulmer Hauptwache sind zu Beginn des Hochwassers vor allem Steinhilber und die anderen Pfuhler Feuerwehrleute stationiert. „Wir sind dann mit Drehleiter und Löschfahrzeug ausgerückt. In der Schützenstraße stand uns das Wasser bis zu den Oberschenkeln.“ Mit steigendem Pegel nehmen aber auch die rauchenden Verteilerkästen zu. „Am Ende hat man in einem ganzen Gebiet den Strom abgestellt.“ Unter anderem das Neu-Ulmer Villenviertel sei damals davon betroffen gewesen, so Steinhilber.

Am Pfingstmontag beruhigt sich die Lage langsam, kurz vor halb zehn am morgen wird der Katastrophenalarm aufgehoben, die gesperrten Straßen zum Großteil wieder freigegeben. Aber: „Danach ging es ja erst richtig los.“ Hunderte Keller müssen ausgepumpt werden, über eine Woche sind zahlreiche Einsatzkräfte noch damit beschäftigt. Tylla selbst ist derweil wieder bei der Arbeit, er arbeitet damals schon im Familienbetrieb, dem Friseursalon Tylla in der Neu-Ulmer Innenstadt. Das Geschäft wird knapp von den Wassermassen verschont. „Wir haben das Wasser am Petrusplatz zum Halten gebracht.“ Sonst wäre das Inventar, der Großteil davon fest installiert, zerstört gewesen. „Man hilft den anderen – und weiß gleichzeitig, bei einem selbst könnte es genauso aussehen.“

"Die Miteinander der Einsatzkräfte war echt Bombe"

Trotz der unzähligen Einsatzstunden, dem schmerzenden Körper, der nicht enden wollenden Arbeit, erinnert sich der 42-Jährige aber vor allem an den Zusammenhalt untereinander: „Das Miteinander der Einsatzkräfte – egal ob Bundeswehr, Polizei, Feuerwehr, Rotes Kreuz, Wasserwacht und alle anderen – war echt Bombe.“ Über 1000 ehrenamtliche Helfer sind in diesen Tagen im Einsatz – und zum ersten Mal, damals mit 22 Jahren, fühlt es sich für Tylla an, als seien alle eine große Familie.

Lesen Sie dazu auch, wie die derzeitige Lage angesichts des vielen Regens in Ulm und Neu-Ulm ist: Regen lässt Donau rasend schnell ansteigen

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