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Ulm

27.01.2019

Pflegefamilien: Ein neues Zuhause nach einem Leben ohne Liebe

Wenn Kinder Gewalt erleben oder vernachlässigt werden, finden sie bei Pflegeeltern ein neues Zuhause. In Ulm lebten Stand Oktober 2018 rund 60 Kinder in etwa 50 Pflegefamilien.
Bild: Jens Kalaene/dpa (Symbolfoto)

Etwa 50 Ulmer Familien haben Pflegekinder bei sich aufgenommen: Buben und Mädchen, die misshandelt oder vernachlässigt, wurden.

Am Anfang standen große Zweifel. Was, wenn ihnen das Kind wieder weggenommen wird? „Ich hatte Angst, dass es mir das Herz bricht“, erzählt die Ulmerin. Trotzdem ließ sie sich von ihrem Mann überreden: Das Paar bewarb sich als Pflegeeltern. Durchlief ein langwieriges Verfahren, füllte Fragebögen aus, holte Führzeugnisse und Atteste ein. Schließlich zog ein Bub bei den beiden ein, eineinhalb Jahre alt. Die Ängste der Frau waren unbegründet, der Junge lebt noch immer bei dem Paar. Und die Familie ist weiter gewachsen, auch der kleinere Bruder des Buben wohnt inzwischen bei den Pflegeeltern.

Ende Oktober 2018 lebten rund 60 Ulmer Kinder in etwa 50 Pflegefamilien. Die Zahl hat der städtische Pflegekinderdienst im Jugendhilfeausschuss vorgelegt. Die Gründe sind vielfältig: Vernachlässigung, Gewalt, Krankheit, Tod oder Inhaftierung der Eltern. Marie-Luise Roth-Bradatsch, beim Pflegekinderdienst zuständig für Stadtmitte und Oststadt, berichtet von Kindern mit faulen Zähnen, Verdauungsproblemen und schmutziger Kleidung.

Pflegeeltern nehmen vernachlässigte Ulmer Kinder auf

Das Paar, bei dem die beiden Brüder leben, ist in die Sitzung gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. Über die leibliche Mutter der Kinder verraten die beiden nichts. Auch ihre eigenen Namen sollen nicht in der Zeitung stehen – zum Schutz der Buben, die heute zehn und vier Jahre alt sind. Das Paar berichtet aus einem ganz normalen Alltag: Am Anfang fällt das Einschlafen schwer, später prägt die Schule den Tag. Doch manches ist anders: Einmal in der Woche sehen die Kinder ihre leibliche Mutter, auch mit der leiblichen Oma gibt es regelmäßige Treffen. Der freie Jugendhilfeträger Oberlin organisiert und begleitet die Begegnungen.

Während andere Eltern ihre Kinder von ganz klein auf wachsen sehen, musste sich das Ulmer Paar auf einmal um ein Kleinkind kümmern, das schon eineinhalb Jahre alt war. Vier Wochen nach dem Kennenlernen zog der Bub bei seinen Pflegeeltern ein. Eigentlich hätte die Übergangsphase länger dauern sollen. „Die Mutter hat es nicht ausgehalten“, berichtet die Pflegemutter. Die schlanke Frau mit den kinnlangen, blonden Haaren hat ihren Beruf für den Buben aufgegeben. Inzwischen arbeitet sie wieder, ein paar Stunden in der Woche. Ihr Mann trägt eine runde Brille und einen Bart aus grauen Stoppeln. „Wir hatten keine eigenen Kinder bekommen. Aber wir waren uns sicher, dass wir mit Kindern leben wollen“, berichtet er. Als er eine Anzeige sah, dass Pflegefamilien gesucht werden, überredete er seine Frau. Später bekam die leibliche Mutter ihres Pflegesohns ein zweites Kind. Wieder war sie überfordert, wieder suchte die Stadt nach Pflegeeltern. Diesmal ließ sich der Mann von seiner Frau überreden. Denn diesmal war er es, der Zweifel hatte: „Sind wir nicht schon zu alt?“

Plätze für Pflegekinder zu finden ist schwierig

Heute haben die beiden keine Zweifel mehr, dass ihre Jungs bleiben. Das ist nicht immer so. Mal ändert sich die Situation der leiblichen Eltern, mal kommt die Pflegefamilie untereinander nicht zurecht. Bis zu drei Abbrüche im Jahr kämen vor, berichtet Helmut Hartmann-Schmid, Leiter der Abteilung Soziales der Stadt Ulm. Die meisten Kinder blieben über ihren 18. Geburtstag hinaus. Die Warteliste von interessierten Paaren ist kurz. Im Lebenswurf vieler Städter haben Pflegekinder keinen Platz und die Wohnungen sind oft nicht groß genug für Nachwuchs. Auch das Paar, bei dem die zwei Brüder leben, hat bei der ersten Anfrage abgesagt: Damals ging es um ein Neugeborenes. Doch es war völlig unklar, wie es mit dem Baby weitergehen würde. Die Frau wollte eine Perspektive, bevor sie ihre Stelle kündigte.

Der erste Pflegesohn saugte die Aufmerksamkeit des Paars regelrecht auf. „Ich war abends körperlich fertig“, berichtet der Mann. Gleichzeitig ertrug der Bub keine Nähe. „Er hat nur gekratzt und gebissen am Anfang“, berichtet die Frau. Das Paar suchte Rat beim Psychologen. Auch beim zweiten Kind war die erste Zeit kräftezehrend: „Der Kleine hat so viel Halt gesucht, er lief mir hinterher wie ein Schatten“, erinnert sich die Frau. Seine leibliche Mutter wollte der Bub nicht sehen: „Er hat dann nur geweint.“ Inzwischen ist die Beziehung gut – auch zwischen Herkunftsmutter und Pflegeeltern. „Es ist nicht so, dass wir die Übereltern sind und der Mutter zeigen, dass sie es nicht kann“, berichtet der Pflegevater. „Wir haben Verwandtschaft dazubekommen“, sagt seine Frau.

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