1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Polit-Poet mit rotem Iro

Ulm

17.06.2014

Polit-Poet mit rotem Iro

So ein Irokesenschnitt hält jung – sagt der Kabarettist Andreas Thiel. Jedenfalls sorge dieser dafür, dass man ständig geduzt werde.
Bild: Dagmar Hub

Andreas Thiel sehnt sich im Ulmer Zelt nach einer besseren Welt – und hat über die bestehende Bitterböses zu sagen.

Dieser Satz muss ja aus der Schweiz stammen: „Man lebt nicht länger, wenn man sich beeilt“, sagt Andreas Thiel. Für Eile sind die Einwohner dieser Willensnation wahrlich nicht bekannt. Für ihren Witz eigentlich auch nicht. In der Schweiz wird es ernst, sobald es lustig wird, sagt der Berner Thiel. Aber ohne Humor sei die Wahrheit unerträglich. Und so verpackt der 43-jährige Kabarettist, der aufgrund seiner überbordenden Fantasie und seiner Respektlosigkeit einst vom Gymnasium flog, seine Wahrheiten über eine schlechte Welt in einen eleganten, scharfzüngigen Witz. Schade, dass das Publikum im Ulmer Zelt recht übersichtlich war, denn zu bestaunen gab es neben geistreichem Witz auch jede Menge poetischer Nonsens-Dichtung.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Thiel ist einer wie der 2008 verstorbene Mauricio Kagel: Er stellt die Dinge auf den Kopf und bringt sie damit vom Kopf auf die Füße. Seine Irokesen-Frisur empfiehlt Thiel jedem über 40. Man werde auf einmal wieder von allen geduzt – ein verjüngendes Erlebnis. Wahrscheinlich darf man mit diesem Äußeren auch narrengleich den Menschen den Spiegel hinhalten, denn „Comedy ist da, damit humorlose Menschen etwas zu lachen haben“. Sagt Thiel, der Comedy nicht mag. Ein großer Satiriker ist er, und Satire ist nicht lustig, aber wahr. Dass man dabei doch immer wieder lachen muss, weiß er und grinst dazu.

Weil Satire einsam macht, spricht Thiel viel mit seinem Salat im Garten. Der hat das Herz im Kopf. Ob er die minutenlangen, lyrisch und rhetorisch wunderschönen, dabei aber völlig inhaltsfreien Epen Thiels über den himmelblauen Flamingo und den korallenroten Elefanten versteht? Meistens aber führt Thiel absurde Dialoge mit sich selbst – die bei ganz genauem Hinhören so absurd nicht sind. Seine Zielscheibe ist die Politik, deren Akteure die besser bezahlten Komiker sind. Die Mütter von ihren kleinen Kindern befreien, die dann Arbeit suchen – als Erzieherinnen in den plötzlich nötigen Kitas zum Beispiel. Oder die Tomaten reifen lassen, indem sie sie mit Ökostrom aus verrotteten Tomaten künstlich besonnen.

Polit-Poet mit rotem Iro

Überhaupt, der Ökostrom: Bei Thiels Dialog angesichts einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl in Zeiten des Ökostroms bleibt dem Zuhörer mehrfach die Spucke im Hals stecken, bis der Strom aus den Solarzellen in den Beinen des Delinquenten kribbelt. Zwischen all den Spitzzüngigkeiten blitzt die Sehnsucht nach einer besseren Welt durch, nach einer Welt ohne politische Entscheidungen, die Menschen beschädigen. Nach einer Welt auch, in der Vernunft ihren Platz hat. Aber Political Correctness ist ein Synonym für Humorlosigkeit, die die Schwester der Intoleranz ist – die ihrerseits wiederum die Tante des Rassismus ist. Sagt Thiel.

Seine Zukunftsvision steht am Ende eines bitterbös-lyrischen Abends: Nachdem es politisch gewollt ist, dass alle ein Studium absolvieren und keiner mehr die von Architekten entworfenen Häuser baut, weil auch die Maurer inzwischen Architekten sind und Mauern nur noch theoretisch kennen, wird die Menschheit eines Tages wieder in Höhlen ums Feuer sitzen, eingewickelt in Kuhfelle, die aus Le-Corbusier-Liegen stammen. Dann wird es dunkel werden – und keiner wird mehr wissen, wie man ein Feuer entzündet.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren