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Benzin in Ulm

09.04.2015

Punkrock macht den Kopf frei

Die vier von Benzin: (von links) Marc Huttenlocher (Drums), Sebastian Schwaigert (Gesang/Gitarre), Andreas Wolf (Gitarre) und Simon Schwaigert (Bass).
Bild: Claus Pütz

Am Freitag geben Benzin im Roxy ihr Abschiedskonzert. Sänger Sebastian Schwaigert erzählt, was in den fast zwei Jahrzehnten Bandgeschichte gut und schlecht war – und warum Zeit für einen Schlussstrich ist.

Herr Schwaigert, Ihre Band gibt es nun seit fast 20 Jahren – zuerst als Uncle Benz, später dann als Benzin. Warum ist ausgerechnet jetzt Schluss?

Sebastian Schwaigert: Wir haben vor allem in den vergangenen zehn Jahren unsere Musik so intensiv betrieben, dass wir Ende 2014 gemerkt haben, dass wir durch sind. Wir standen im Probenraum, hatten unser fünftes Album schon halb fertig – und haben plötzlich festgestellt, dass uns die Kraft fehlt. Unser Credo war immer: Wenn wir es machen, dann richtig. Wir hatten einen Horror davor, irgendwann abzusaufen, keine richtigen Konzerte mehr zu spielen und dann im Baumarkt zu enden. Als wir das gemerkt haben, haben wir beschlossen: Hier ziehen wir einen Schlussstrich.

Haben alle Bandmitglieder gleichzeitig dieses Gefühl verspürt?

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Schwaigert: Alle haben gespürt, dass es so nicht weitergehen kann. Es hätte sicher noch die Option gegeben, zu sagen: Einer steigt aus und wir holen uns einen smarten 18-Jährigen. Aber das stand nicht zu Debatte. Weil wir uns immer als Band wahrgenommen haben. Bei uns gab es nie einen Gallagher-Typen, der alles an sich gerissen hätte.

Dabei spielen auch Sie mit Ihrem Bruder Simon in der Band, wie Noel und Liam Gallagher bei Oasis.

Schwaigert: Wir sind wie die Gallaghers, nur in hässlich und unerfolgreich! Im Ernst: Es hätte einfach keinen Sinn mehr gehabt. Die Müdigkeit war bei uns allen da.

Wenn Sie zurückschauen auf die vergangenen Jahre: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Schwaigert: Es klingt wie eine Floskel, aber ich möchte keine Minute missen. Es war eine krasse Zeit, und für mich persönlich war es auch immer eine Art Psychohygiene: Ich denke an meine Zeit im Referendariat, die – wie für viele Lehrer – eine verdammt harte Zeit war. Am Freitag nach der Schule habe ich dann einen neuen Raum betreten und mich ausgetobt. Am Montag war ich dann müde, ein bisschen platt, aber ich stand glücklich und zufrieden in der Schule. Ein geiles Gefühl.

Sind Sie neidisch auf die Kollegen, die von ihrer Musik leben können?

Schwaigert: Ich habe es immer als sehr befreiend erlebt, dass ich Musik machen kann – und nicht muss. Bei uns gab es immer Prinzipien. In der Zusammenarbeit mit Labels gab es schon immer solche Dinge wie: Das müsste man machen, um wirtschaftlicher zu sein. Dann haben wir gesagt: Na gut, dann machen wir es eben nicht. Uns ging es um Glaubwürdigkeit. Und wir wollten Spaß haben an dem, was wir tun.

Was war – in Ihren Augen – der größte Erfolg von Benzin?

Schwaigert: Manchmal sind es die Konzerte am Arsch der Heide, bei denen acht Leute da sind, aber sieben die Texte mitsingen können. Aber wir hatten zum Beispiel auch das Glück, als Teil einer Donau-Delegation in Rumänien zwei Konzerte vor 10000 Leuten zu spielen. Das war surreal, da wurden uns Babys gereicht, damit wir auf ihnen unterschreiben. Aber eine Woche später steigt man dann wieder in seinen Corsa und muss gucken, wie man seine Miete zusammenkratzt.

Gab es auch große Enttäuschungen?

Schwaigert: Wir haben drei von unseren vier Alben über andere Labels herausgebracht, und haben so auch die Schattenseiten des Musikgeschäfts kennengelernt. Das hatte mit unseren Idealen manchmal nichts mehr zu tun. Wir hatten mal ein Management, das kam dann mit Sachen an wie: Das T-Shirt vom Andy (Wolf, Gitarrist, d. Red.) passt nicht zu dem von Simon (Schwaigert, Bass). Und es wäre auch mal schön, wenn der eine oder andere ein paar Kilo abspecken könnte.

Sie sind jetzt 35. Böse Frage: Ist man irgendwann zu alt für Punkrock? Oder zu alt für das eigene Publikum?

Schwaigert: Unser Publikum ist immer mitgewachsen, das war immer schön für uns. Wir hatten nie eine Band, die „in“ war, aber auch nie eine Band, die richtig „out“ war. Es gab nie einen Hype, auf den Jugendliche aufspringen konnten. Wir haben ganz viel Publikum, mit dem wir uns über Fernsehsendungen aus den 80ern unterhalten können.

Die Band war zuletzt weit in Deutschland zerstreut, Sie leben in Augsburg, der Schlagzeuger in Berlin. War es da überhaupt noch möglich, ein normales Bandleben zu organisieren?

Schwaigert: Es war sehr schwierig. Letztes Jahr gab es im Herbst Konzerte in Köln oder in Braunschweig, bei denen ich direkt aus der Schule zum Zug gerannt bin; dann hat man sich zum Soundcheck getroffen und kurz Hallo gesagt. Das war einfach nicht mehr das, was es früher war. Und natürlich fragt man sich selbst: Ich bin Papa geworden, der Andy ist Papa geworden, der Simon hat mittlerweile drei Kinder – muss ich irgendwo mit der Band unterwegs sein, während meine Familie zu Hause in die Röhre guckt?

Ihre letzte Tour führt Sie noch in drei Städte, die die Band nach eigenen Angaben geprägt haben – neben Ulm Hamburg und Düsseldorf. Warum diese beiden Städte?

Schwaigert: Hamburg war immer gut zu uns. Die Konzerte, die wir dort gespielt haben, waren immer toll. Und Nordrhein-Westfalen war für uns immer ein tolles Pflaster. Wir kamen mit der Art der Leute gut zurecht. Wir haben auch eine Supporter-Gruppe, deren Kern aus NRW kommt, die uns bis nach Rostock oder Wien gefolgt ist.

Am Freitag spielen Sie im Roxy dann Ihren allerletzten Gig. Ein ganz normales Benzin-Konzert oder haben Sie sich etwas Besonderes vorgenommen?

Schwaigert: Es wird definitiv kein normales Konzert sein. Den Unterschied spüren wir schon jetzt. Wir sind zwar gestandene Männer, aber es war schon ein komisches Gefühl, als wir gemerkt haben: Das ist unsere letzte Probe. Das Konzert am Freitag wird eine Amputation. Uns wird danach etwas fehlen. Aber es soll keine sentimentale Veranstaltung werden, schließlich hatten wir eine gute Zeit.

Was kommt nach Benzin? Werden Sie sich als junger Vater nur noch der Familie widmen?

Schwaigert: Ich werde auf jeden Fall weiter Musik machen, beim Musikmarathon im Roxy habe ich kürzlich ja schon ein paar Songs gespielt, nur Gitarre und Gesang. Aber Genaues weiß ich noch nicht.

Hand aufs Herz: Wird es irgendwann vielleicht ein Benzin-Revival geben?

Schwaigert: Kann ich mir momentan null vorstellen. Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, unser Abschied soll keine Micky-Maus-Veranstaltung werden. Wir wollen nicht zu den Menschen gehören, die den Absprung nicht schaffen.

Interview: Marcus Golling

(Letzter Auftritt von Benzin morgen, Freitag, um 20 Uhr im Roxy. Im Vorprogramm spielen Kapelle Petra und Die kleinen Götter. Karten gibt es bei Blende 22 in Neu-Ulm und am Roxy-Ticketschalter.)

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