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Ulm

02.12.2015

Ratiopharm: „Kuschlig“ war früher

Durch moderne Anlagen, die immer weniger Menschen bedienen können, wird Teva immer effizienter. Eine 30 Millionen Euro teure neue Anlage für Nasensprays wurde vor zwei Jahren am Stammsitz in Weiler in Betrieb genommen.
Bild: Alexander Kaya

Durch den Abbau von 100 Stellen wird mal wieder klar, dass die Pharmafirma von einem börsennotierten Weltkonzern geleitet wird. Teva setzt trotzig auf Investitionen

Es weht, seit der Übernahme durch den israelischen Konzern Teva, ein anderer Wind bei Ratiopharm: „Es ist nicht mehr so familiär und kuschlig“, beschreibt es Rainer Holland–Moritz, der Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE). Dass nun ein „Global Player“ den Hut auf habe, würden die Mitarbeiter immer öfter spüren. „Unter Merckle hätte es das nicht gegeben.“ Ein Satz den Holland-Moritz regelmäßig zu hören bekommt. Zuletzt, als bekannt wurde, dass die Teva-Tochter Ratiopharm 100 Stellen in Ulm und im Blaubeurer Ortsteil Weiler abbauen will (wir berichteten im überregionalen Teil). In früheren Zeiten, als Ratiopharm noch Adolf Merckle gehörte, habe die IGBCE kaum Kontakt zu Mitarbeitern gehabt. Schlichtweg, weil die Beschäftigen im Familienunternehmen offenbar keine Notwendigkeit gewerkschaftlicher Betätigung sahen. „Das hat sich geändert“, sagt Holland–Moritz. Derzeit gebe es Anfragen zu den Auflösungsverträgen, die mehrere bei Ratiopharm Beschäftigte nun unterschreiben sollen. Wie Holland–Moritz sagt, handle es sich um 100 Vollzeitstellen die gestrichen werden, woraus er schließt, dass letztendlich wahrscheinlich 120 bis 130 Köpfe von den Sparplänen betroffen seien.

Teva streicht Stellen, obwohl es dem Pharmakonzern eigentlich blendend geht: Der weltgrößte Generikahersteller steckte sich jüngst erst höhere Ziele. 2015 werde nun mit einem Nettoergebnis je Aktie zwischen 5,40 und 5,45 Dollar gerechnet. Bisher waren 5,15 bis 5,40 Dollar in Aussicht gestellt worden. Auch beim Umsatz hob der Konzern seine Prognose an.

Wie Holland–Moritz sagt, sei das ein übliches Gebaren bei Großkonzernen der Pharmabranche. Wenn es gut läuft, werden sie noch schlanker aufgestellt um dann noch effizienter zu werden. Oder das nötige Kleingeld für Übernahmen zu haben: Teva befindet sich mitten in zwei riesigen Zukäufen, mit denen der Pharmakonzern seine Marktmacht weiter ausbauen will. So kaufen die Israelis laut Handelsblatt für 40,5 Milliarden Dollar das Generika-Geschäft des amerikanischen Botox-Herstellers Allergan sowie den mexikanischen Pharmakonzern Rimsa. Die Ratiopahrm-Pressesprecherin rechtfertigt auf Nachfrage den Stellenabbau mit dem steigenden Wettbewerbsdruck. Die Kosten im Produktionsbereich müssten deshalb gesenkt werden. Und da zwei Drittel der Kosten aus Löhnen bestünden, sei das ohne Stellenabbau nicht zu schaffen. Auch das Outsourcing, also die Auslagerung an andere Firmen, von Prozessen und Aufgaben, die nicht in direktem Zusammenhang mit der Produktion stehen, würden als Maßnahmen zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit geprüft.

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Das bedeutet: Der Stellenabbau wird wohl noch weiter gehen. Seit der Teva-Übernahme sind die Mitarbeiter derartige Schritte gewohnt: 150 Stellen wurden zu Beginn der neuen Ära abgebaut – wenngleich zwischenzeitlich wieder aufgebaut.

Die Ratiopharm-Sprecherin betont, dass gemeinsam mit dem Betriebsrat eine sozial verträgliche Lösung erarbeitet werde. Dies umfasst die Streichung von derzeit zur Besetzung ausstehenden Stellen, freiwillige Austritte aus dem Unternehmen per Auflösungsverträgen sowie interne Versetzungen in andere Bereiche des Unternehmens, um so betriebsbedingte Kündigungen „weitestgehend“ zu vermeiden. Als eine Schwächung des Standorts will Ratiopharm die Sparpläne nicht verstanden wissen: „Erhebliche Investitionen“ stünden an.

Doch wie viel in die Erweiterung der biotechnologischen Produktion und in neue Produktionstechnologien wie das „Continuous Manufacturing“ gesteckt wird, scheint Geheimsache zu sein. „Continuous Manufacturing“ – die „kontinuierliche Produktion“ – gilt als eines der Zukunftsthemen der Pharmabranche. Der Tenor klingt bekannt: Ein viel höherer Automatisierungsgrad bedeutet weniger manuelle Eingriffe, mehr Effizienz und noch mehr Möglichkeiten durch weniger Personal Kosten zu senken.

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