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Ulm

09.02.2015

Rockerbanden-Boss Suat N. droht bei Prozess mit Schlägen

Beim Prozess um einen versuchten Mord legte sich der Chef der Bande "Rock-Machine" mit einem Anwalt an.
Bild: Alexander Kaya

Der Chef der Bande "Rock-Machine" legt sich im Gerichtssaal mit dem Anwalt an. Auf einer Messe kam es offenbar um ein Haar zu einer Auseinandersetzung mit den Bandidos.

Einst war er der jüngste Polizist Baden-Württembergs mit türkischen Wurzeln. Nachdem Suat E. im Stuttgarter Rotlichtmilieu amtlich tätig war, wechselte er die Fronten, hängte die Uniform an den Nagel und wurde Rockerboss. Wie gefährlich so ein Leben sein kann, erlebte der Mann im Mai 2011, als Bandidos frühmorgens das Haus des Präsidenten des verfeindeten Rock-Machine-Clubs in Wiblingen überfielen, um ihn zu töten.

Die Pistolenkugeln verfehlten ihr Ziel. Suat E. war nicht im Haus, seine damalige Freundin kam mit dem Schrecken davon. Zu ihrem Glück gelang es den Tätern nicht, die Haustür aufzubrechen.

Seit Juli versucht die siebte Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ulm diesen Fall juristisch aufzuarbeiten und muss sich mit einer Schweigemauer und Erinnerungslücken zahlreicher Zeugen abplagen.

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Auslöser der Konfrontation war eine zufällige Begegnung in einer Bar

Zum Hintergrund der Tat: Seit einigen Jahren tobt ein Revierkampf der beiden Rockerbanden – es geht um Drogen, Prostitution und andere lukrative Geschäfte. Man war sich spinnefeind und schenkte sich nichts, heißt es in einer gerichtlichen Bewertung in einem ersten Prozess, in dem ein Bandido-Mitglied wegen Beihilfe zu diesem versuchten Mord angeklagt und verurteilt worden war.

Der Auslöser war eine zufällige Begegnung in einer Tabledance-Bar am Vorabend der Schießerei in der Blaubeurer Straße zwischen Bandidos und Rock-Machine-Mitgliedern, die in einer wüsten Schlägerei ausartete. Es floss Blut, wobei die Bandidos den Kürzeren zogen. Mit blutigen Nasen schworen sie Rache und wandten sich Hilfe suchend an ihr ranghöchstes Mitglied, einen „National-Sergeant“ und Inhaber einer Firma im Alb-Donau-Kreis.

Der soll die Vergeltungsaktion nicht nur angeordnet, sondern auch selbst zum Haus des Präsidenten Suat E. gefahren sein und die Schüsse abgegeben haben. Deswegen ist er jetzt wegen versuchten Mordes angeklagt. Der 47-jährige Andreas B. bestreitet nicht die Aktion, gibt auch zu, mit einem Baseball-Schläger ein vor dem Haus parkendes Auto demoliert zu haben.

Als die Schüsse fielen, sei er aber nicht mehr am Tatort gewesen. Als Schützen beschuldigt Andreas B. vielmehr sein Klubmitglied und Angestellten Mahir H., einen 33-jährigen Bosnier, der Anfang 2014 wegen Beihilfe zum versuchten Mord verurteilt wurde, weil er nach Auffassung des Gerichts die oder den Täter nach Wiblingen gefahren hatte.

Potenzieller Kronzeuge Mahir H. schweigt seit Monaten

Mahir H. hätte der Kronzeuge der Anklage sein können, doch in diesem Verfahren schweigt er seit Monaten wie ein Grab, so oft er aus der Beugehaft vorgeführt wird, was den Tatverlauf betrifft und betont, wie auch in seinem Prozess, er sei überhaupt nicht dabei gewesen.

Von dieser Linie wich er gestern nicht ab und wurde vom Gericht fast eine Stunde mit abgehörten Handy-Dialogen aus der Zelle heraus konfrontiert. In den Dialogen mit einem anderen Bandido-Kumpel spiegelte sich die Angst wider, ihr Ex-Chef, der Angeklagte Andreas B., könnte am Ende des Prozesses auspacken. „Dann stecken wir alle in der Scheiße“ – Originalzitat von Mahir H. in einem der vielen Handy-Gespräche mit einem anderen Rocker.

Unverhofft wurde gestern auch Suat E. aus dem Publikumsbereich in den Zeugenstand gebeten, nachdem er seiner aktuellen Freundin und geladenen Zeugin laut zugerufen hatte: „Pack doch mit dem Brief aus.“

25.000-Euro-Angebot für die Rücknahme einer Zeugenaussage

Möglicherweise war das bewusst inszeniert, um den Bandidos eins auszuwischen. Die junge Frau gab sich zunächst sehr verschlossen. Erst nach dem Zuruf plauderte sie aus, dass sie ihren Freund Suat E. im April vorigen Jahres zu einem konspirativen Treffen nach Blaubeuren gefahren habe. Sie dokumentierte das Treffen der beiden verfeindeten Kuttenträger mit ihrem Smartphone.

Der Bandido-Mann übergab Suat E. einen Brief, in dem der Rock-Machine-Präsident aufgefordert wurde, Druck auf seine damalige Freundin zu machen, ihre Aussage zurückzunehmen. 25.000 Euro sollen dafür angeboten worden sein. Nachdem Mahir H. als Zeuge ausfällt, ist diese Frau, die nun im Allgäu lebt, die Hauptbelastungszeugin in diesem Prozess, wo es für Andreas B. um alles oder nichts geht. Sie war im Haus, als geschossen wurde, und habe ihn aus einem geöffneten Kippfenster erkannt.

Der Aufforderung der Bandidos kam Suat E. natürlich nicht nach, sagte er gestern und lieferte einen Zeugenauftritt ab, der darin gipfelte, dass er einem der Anwälte Tätlichkeiten androhte, nämlich Ohrfeigen. Erst die Androhung einer Ordnungshaft brachte den bulligen Mann zur Raison. Die Schießattacke auf sein Haus hat Suat E. noch immer nicht verwunden.

Wie am Rande des Prozesses zu erfahren war, konnte vor einiger Zeit in letzter Minute eine Auseinandersetzung auf einer Motorradmesse in der Ulmer Friedrichsau zwischen Rock Machine und Bandidos durch die vorgewarnte Polizei verhindert werden, nachdem Suat E. einen jungen Bandido angeblafft haben soll.

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