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Lesung

18.04.2015

Rocko Schamoni macht ernst

Mehr als ein Spaßmacher: Rocko Schamoni im Roxy.
Bild: Florian L. Arnold

Bekannt wurde der Hamburger Musiker und Autor als Spaßmacher. Im Roxy zeigte er sich von einer unbekannten Seite

Rocko Schamoni ist Autor, Entertainer, Musiker und Klubbesitzer. Eine Lichtgestalt des Hamburger Untergrunds. Er bringt Punk dorthin, wo sich die Städte saturiert, reizüberflutet, versnobt und verhypt zeigen. Im Roxy las er aus seinem neuen Buch „Fünf Löcher im Himmel“ und lieferte mit Musikerkollege Tex M. Strzoda die dazu passenden Songs aus eigener Feder. Die kamen hochsolide und wie der gesamte Abend mit nonchalanter Schnoddrigkeit daher.

„Das ist eine Handylesung“, leitete Schamoni das Vergnügen ein, „also telefoniert, simst und kommuniziert, was das Zeug hält. Ich geb euch meine Nummer, dann könnt ihr mir eine SMS schreiben und sagen, wie ihr das findet.“ Alles witzig also? Eine Stunde des gekonnten Unernstes? Durchaus nicht. Denn auch wenn Schamoni beim Lesen seines neuen Romans fortwährend selbst grinsen muss über die dick aufgetragenen Teenagerleiden des jungen Paul. Aber die ironisierte Vortragsweise täuscht über das Anliegen des Buches hinweg, und das ist eben keine Gag-Geschichte.

Da geht es um Wesentliches: Paul hat sein Leben irgendwie verloren – wann das passiert ist, kann er nicht sagen. Er war doch eben noch jung und verliebt – jetzt sitzt er in einem rostigen Datsun, ist auf der Flucht vor den Scherben seiner Existenz. Er sucht sein Glück in der norddeutschen Weite. Im Gepäck hat er nur sein altes Tagebuch. Während er den melancholischen Kneipier Pocke kennenlernt und von ihm einen alten Sportwagen geliehen bekommt, liest Paul im Tagebuch von seiner großen Liebe zu Katharina Himmelfahrt. Er erinnert sich: Das war doch das Mädchen, in das er sich bei den Proben des Schultheaters zu den „Leiden des jungen Werthers“ verliebte. Kann er aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und wenigstens seine aktuelle Beziehung ins Reine bringen?

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Schamonis Buch ist ein Roadmovie, auch wenn es dem spaßbereiten Publikum nicht ständig Gelegenheit bietet, sich grölend auf die Schenkel zu klopfen. Dazu ist dann eben unter der dicken Ironiekruste zu viel Ernst. Schamoni, Mitbegründer des Humortrios „Studio Braun“ und Verfasser des Bestsellers „Dorfpunks“, ist zwar Entertainer, aber es geht in seinem Buch nicht um Lacher und „Pointen“. „Fünf Löcher im Himmel“ ist nicht lustig, sondern stellt ganz ernsthaft und mitunter auch resignierend die Frage, ob man trotz mieser Bedingungen ein glückliches Leben finden kann.

Variation auf Goethes „Werther“

Paul, der Sohn eines lebensmüden Alkoholikers, schreibt als Schüler in sein Tagebuch: „Ich muss anders werden als der Alte. Ich will auf keinen Fall das werden, was andere sich für mich ausdenken oder erhoffen“. Roadnovel und Variation auf Goethes Klassiker „Die Leiden des jungen Werthers“: Mit Songs wie „Mauern“ und „Weiter“ erhärtet sich der Eindruck, dass Schamoni kein Spaßmacher sein will. Zwar wird vieles in distanznehmender Lässigkeit gesagt. Doch in der Tiefe ist da ein Erzähler, der ganz bitterernsten Fragen und Sorgen nachspüren will. In Schamonis eigenen Worten: „Man muss doch die Welt anschauen und versuchen zu begreifen, was das Leben sein kann“.

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