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Ulm

11.12.2020

Schaffen, schaffen, Münster bauen: So arbeiteten Steinmetze am Ulmer Münster

Gotik bedeutet nicht nur Mittelalter, der Bau des Ulmer Münsters zog sich über Jahrhunderte hin. Die ersten Steinmetze legten den Grundstein im klassisch-gotischen Stil, Nachfolger führten ihr Werk teils im neogotischen Stil fort.
Bild: Alexander Kaya

Plus Die Historikerin Anne-Christine Brehm gibt in ihrer Habilitationsschrift zur Gotik tiefe Einblicke in die Arbeit der frühen Münster-Steinmetze von Ulm.

Die Architektin und Bauhistorikerin Anne-Christine Brehm hat sich in ihrer soeben vorgestellten Habilitationsschrift „Netzwerk Gotik“ intensiv mit dem Ulmer Münster im Zentrum von Architektur- und Bautechniktransfer auseinandergesetzt. Der gut 600 Seiten dicke Band ist im Rahmen der Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm erschienen, finanziert von der Dr.-Wolfgang-Eychmüller-Stiftung, die auch die Restaurierung der spätmittelalterlichen Münster-Rechnungsbücher finanziert, auf deren Auswertung sich Anne-Christine Brehm stützt.

Wie lebten und bauten Steinmetze am Ulmer Münster?

Die Bauhistorikerin hat dabei Detailliertes aus den Quellen zur Baugeschichte des Ulmer Münsters aufbereitet – über die vor Jahrhunderten am Münsterbau tätigen Steinmetze, über deren Ausbildungsregeln, Fluktuation und Wanderbewegungen. Im Leben der hoch spezialisierten Steinmetze spielten Bruderschaften und Ordnungen eine große Rolle. So konnte Anne-Christine Brehm nachweisen, dass Matthäus Ensinger – der weite Teile des Hauptturms und der Seitentürme des Münsters als Baumeister verantwortete – bezuschusst von der Straßburger Münsterbauhütte im Jahr 1450 mit seinem Sohn Vincenz ins Wallis pilgerte, vermutlich nach St. Maurice. Umgekehrt bezahlte man in Ulm dem Bauschaffner Konrad Nadler eine Reise „zu dem Heiltum in Nürnberg“.

Anne-Christine Brehm beschreibt, dass sich die spätmittelalterliche Bauhütte des Münsters auf der Nordwestseite des Kirchenschiffs befand, dort, wo auch heute noch die Münsterbauhütte steht. Damals war sie ein Fachwerkbau mit gemauertem Sockel. Im Untergeschoss, so wird vermutet, arbeiteten die Steinmetze, während oben repräsentative Räume waren. Ein im 15. Jahrhundert errichteter Verwaltungsbau der Kirchenbauorganisationen enthielt einen „Gewandladen“, in dem die Ehefrau Bauschaffners gespendete Kleidung zugunsten des Münsterbaus verkaufte.

Steinmetze der Gotik arbeiteten unter harten Bedingungen am Münster

Hart waren die Arbeitszeiten: Im Sommer wurde von fünf Uhr morgens bis sieben Uhr abends gearbeitet, einschließlich dreier Essenspausen, und alle zwei Wochen war ein früheres Arbeitsende samt Bad möglich. An Wein und Essen scheint in den Bauhütten nicht gespart worden zu sein. So fand Brehm heraus, dass in Ulm je nach Ausbildungsgrad und Jahreszeit unterschiedliche Vorschriften für das Essen in der Bauhütte galten – zum Frühstück reichte man eine Suppe und ein halbes Maß Wein, zum Abendessen Brot, Käse und ein weiteres halbes Maß Wein und die Meister erhielten Weißbrot. Ein „Maß“ als Hohlmaß umfasste in Württemberg etwa 1,9 Liter.

Anne-Christine Brehm erforscht die Geschichte des Ulmer Münsters

Auffallend ist in den Wochenrechnungen, die Anne-Christine Brehm betrachtet, eine stete Zu- und Abnahme der Zahl der Gesellen auf der gotischen Baustelle; der Stammbelegschaft standen offenbar Wandergesellen gegenüber, die nur wenige Wochen blieben und denen wohl gerade anfallende Arbeiten zugeteilt wurden.

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