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Theater

17.05.2018

Schönberg ist besser als Schönklang

Setzt zum Abschied ein Statement: Matthias Kaiser in den Kulissen für „Die glückliche Hand / Dahinströmen, singend / Carmina Burana“.
Bild: Alexander Kaya

Operndirektor Matthias Kaiser verabschiedet sich mit einem anspruchsvollen Abend vom Ulmer Publikum. Dieses hat ihm in den vergangenen zwölf Jahren einige Erfolge beschert – ihn aber auch manchmal enttäuscht

Matthias Kaiser hätte es sich auch leicht machen können und, wie er es nennt, „mit einem kulinarischen Stimmfest Tschüs sagen können“. Mit einem Dauerbrenner aus dem Repertoire, bei dem seine Solisten alles zeigen und die Abonnenten sich klatschend aus den Sitzen erheben. Stattdessen ist die letzte Inszenierung Kaisers als Operndirektor in Ulm „Die glückliche Hand / Dahinströmen, singend / Carmina Burana“, Premiere heute, Donnerstag, im Großen Haus. Die Produktion mit dem bisher kompliziertesten Titel in seiner Karriere? Er lacht. „Der Abend ist auch inhaltlich nicht ganz unkompliziert.“

Die Besucher erwarten drei Stücke: „Die glückliche Hand“, ein 1913 vollendeter Einakter von Arnold Schönberg, „Dahinströmen, singend“, eine „musiktheatralische Skulptur“ von Gerhard Stäbler, und Carl Orffs Vertonung der „Carmina Burana“ aus dem Jahr 1935/36. Ursprünglich sollte der Abend nur Schönberg und Orff verbinden, aber schon früh habe sich, so Kaiser, herauskristallisiert, dass die beiden sehr unterschiedlichen Werke nicht hintereinander passen. Er habe eine „weiße Fläche“ dazwischen gebraucht, berichtet Kaiser. Diese habe ihm der „Freund und Komponist“ Stäbler geliefert. Dieser hat für Ulm unter anderem die Oper „Erlöst Albert E.“ geschrieben.

„Die glückliche Hand / Dahinströmen, singend / Carmina Burana“ ist künstlerisch ein Wagnis, denn eine Handlung im engeren Sinn hat keines der drei Werke. Was für die Regie bedeutet, dass sie sehr assoziativ arbeiten muss – was Kaiser nach eigenen Aussagen mag und was er unter anderem bei seiner szenischen Bearbeitung von Verdis „Messa da Requiem“ schon erprobt hat. Doch der Abend ist auch ein Statement: In ihm sollen sich die kulturellen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts spiegeln – hier der jüdische Avantgardist Arnold Schönberg, dessen Musik von den Nationalsozialisten als entartet verfemt wurde, dort NS-Mitläufer Orff, dessen „Carmina Burana“ bis heute von den Massen geliebt werden.

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Kaiser will zeigen, dass Oper mehr ist als nur schöne Stimmen. Und er will auch die Facetten des Musiktheaters präsentieren, die nicht unbedingt ein volles Haus garantieren. Das war ihm in den zwölf Ulmer Jahren wichtig. Es sei ein Kennzeichen der Kunst, dass sie manchmal ein Minderheitsprogramm sei. Gibt es dafür in Ulm Freiräume? „Sie sind da, aber sie sind eng“, gibt der 62-Jährige zu. Das liegt an wirtschaftlichen Zwängen, aber auch ein bisschen am Publikum, das konservativer sei als anderswo. Natürlich gebe es in Ulm kein Großstadtpublikum wie in Berlin, Hamburg oder München. Aber auch die Leute in Saarbrücken, Darmstadt oder Heidelberg hätten seiner Erfahrung nach nicht diese „Beharrungsfreudigkeit“.

Was freilich nicht heißt, dass Kaiser seine Zeit an der Donau nicht genossen hat. Und es gibt einige eigene Inszenierungen, an die er sich besonders gerne erinnert: allen voran an Richard Wagners „Rheingold“, das 2011 ein „sehr gutes Feedback“ bekommen habe, an Giuseppe Verdis „Macbeth“ (2007) und an Alban Bergs „Lulu“ in der vergangenen Spielzeit. Wobei letztere Oper ein Beispiel dafür ist, dass auch Werke der Moderne ihr Publikum in Ulm finden können. Ebenso übrigens wie solche der Vorklassik, deren Inszenierung Kaiser viel Freude bereitet hat. „Ich fände es schön, wenn das in Zukunft eine Fortsetzung fände.“ Kaiser ist aber auch selbstkritisch: Mozarts „Zauberflöte“ würde er nicht noch einmal inszenieren und bei Verdis „Otello“ habe ihm die Zeit nicht gereicht. Fehlschläge, das weiß der erfahrene Theatermann, gehören auch dazu.

Der Opernchef – seinen Job übernimmt der neue Intendant Kay Metzger – scheidet ohne Bitterkeit, obwohl der Wechsel einen Einschnitt in seinem Leben bedeutet. „Mit 62 Jahren werde ich kein festes Engagement mehr bekommen“, weiß der gebürtige Bremer. Eventuell werde er im Lehrbereich tätig werden, gerne würde er weiter als (Gast)regisseur arbeiten. Wie es mit dem Theater Ulm nach ihm weitergeht, ist ihm nicht egal. Vor allem wünscht er sich, dass dieses seinen „Malus als C-Haus“ abstreift. In einer wohlhabenden Stadt wie Ulm müsse das Theater personell und finanziell besser ausgestattet werden. „Denn künstlerisch sind wir nicht ganz unten.“ Er sei optimistisch, dass sich in dieser Hinsicht etwas tun werde.

Matthias Kaiser wird die Entwicklung aus der Ferne beobachten. Voraussichtlich im September werden er und seine Frau nach Berlin umziehen, „weil es der kulturelle Mittelpunkt Deutschlands ist und wir dort sehr viele Menschen kennen“. Seine letzte Inszenierung markiert also auch einen persönlichen Abschied. Was schon jetzt feststeht: Es wird ein klangvoller. Denn speziell für Schönbergs „Die glückliche Hand“ musste das Orchester auf rund 70 Musiker aufgestockt – und aus Platzgründen vom Graben auf die Bühne verlegt werden. „Im Musiktheater hatten wir noch nie ein so großes Orchester“, sagt Kaiser. Zum Schluss darf man sich auch etwas gönnen.

Beginn ist um 20 Uhr im Großen Haus. Musikalischer Leiter ist Hendrik Haas, Solisten sind Tomasz Kaluzny, Maria Rosendorfsky, Hans-Günther Dotzauer und Kwang-Keun Lee. Karten gibt es unter theater-ulm.de oder an der Abendkasse.

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