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Ulm

06.12.2014

Schöner Wahn

„Kopf mit Schlange“ ist der Titel dieser Holzskulptur des Bauers und Bildhauers Pietro Moschini. In seinem Atelier schuf er hunderte Masken, Reliefs und Figuren. Deren Qualität wurde erst nach seinem Tod 2011 entdeckt.
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„Kopf mit Schlange“ ist der Titel dieser Holzskulptur des Bauers und Bildhauers Pietro Moschini. In seinem Atelier schuf er hunderte Masken, Reliefs und Figuren. Deren Qualität wurde erst nach seinem Tod 2011 entdeckt.

Das Stadthaus zeigt Kunst von Psychiatrie-Patienten und Sonderlingen. Eine bisweilen verstörende, vor allem aber faszinierende Ausstellung.

Das Werk Erhards ist ein Musterbeispiel für „Outsider Art“, also Außenseiterkunst, oder auch „Art Brut“, wie der Franzose Jean Dubuffet die „rohe“ Ästhetik nichtakademischer Kunst beschrieb. Das besondere Augenmerk vieler Sammler gilt dabei dem Werk von Sonderlingen und Menschen mit Psychiatrieerfahrung. So auch bei dem Schweizer Gerhard Dammann, studierter Psychologe und Leiter einer psychiatrischen Klinik in Münsterlingen am Bodensee. Er hat zusammen mit seiner Frau Karin eine der anerkanntesten Sammlungen von Außenseiterkunst zusammengetragen, aus der nun 130 Arbeiten von 54 Künstlern im Stadthaus Ulm zu sehen sind. Der Titel „wahnsinn sammeln“ meint dabei nicht nur die psychischen Störungen der Künstler. Dammann: „Ein richtiger Sammler kauft mehr, als er sich leisten kann, und mehr, als er hängen kann.“

Schon seit 1996 zeigt das Stadthaus regelmäßig Kunst von Außenseitern, zuletzt 2013 die Comic-Zeichnungen des an einer schweren bi-polaren Störungen leidenden US-Musikers Daniel Johnston. Die auf zwei Stockwerken im Meier-Bau untergebrachte Dammann-Ausstellung ist aber die bisher umfassendste Schau dieser Art in Ulm – und zeigt, was für ein weites Feld die „Outsider Art“ ist: Zeitlich beginnt die Zusammenstellung schon im 19. Jahrhundert, aus dem unter anderem ein von einem unbekannten Bewohner einer französischen Nervenklinik geschnitztes Bett zu sehen ist. Sie umfasst Verstörendes wie die Folterfantasien Martin Erhards, Feines wie die ornamentalen Zeichnungen der Londonerin Madge Gill, die bei der Anfertigung von einem Geist angeleitet zu werden behauptete, oder auch Objektkunst wie die Abfall-Fetischfiguren des Franzosen Michel Nedjar.

Die Ausstellung weidet die Krankheitsbilder oder psychischen Probleme der gezeigten Künstler nicht aus, die Arbeiten sind nur knapp beschriftet. Kunst ist hier in erster Linie Kunst – und wird diesem Anspruch auch gerecht. So etwa bei den Bildern und und Figuren des Italieners Giordano Gelli, der nach traumatischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg einen Großteil seines Lebens in einer Klinik verbrachte und viele Jahre in der Outsider-Künstler-Werkstatt „La Tinaia“ arbeitete. Er ist einer der zentralen Künstler in der Ausstellung, seine großformatigen Bilder strotzen vor Expressivität. Den Österreicher August Walla vergleicht Sammler Dammann sogar mit Jean-Michel Basquiat. Freilich spricht aus den mit beschwörungsartigen Textbausteinen beschrifteten Teufelsdarstellungen Wallas auch das verschobene Weltbild des Mannes, der auch Decke und Wände seines Zimmers in der Klinik Maria Gugging bemalte.

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Der Griff zu den ausliegenden Zetteln mit den Biografien der Künstler lohnt sich: Sie liefern beim Betrachten die Hintergründe, ohne die manches nur schwer zu verstehen wäre – aus vielen der gezeigten Arbeiten spricht viel unmittelbarer Persönlichkeit und Schicksal des Urhebers als bei den „Positionen“ eines akademischen Künstlers. Schließlich, so Kurator Raimund Kast, seien die Arbeiten nicht für die Öffentlichkeit und schon gar nicht für den Kunstmarkt entstanden. Auch die Sammler sehen sich nicht als Investoren. „Unsere Motivation ist die Freude an der Kunst“, sagt Dammann. Er als Mediziner schätze an den Werken auch, dass sie die „leuchtende Seite der Psychiatrie“ zeigten; diese sei normalerweise ein ernster, oft trauriger Ort. „Das hat etwas Tröstendes.“

Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 7. Dezember, um 11 Uhr.

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