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Theater

23.09.2014

Schrei nach Schönheit

Zwischen Aggression und Depression: Christian Streit spielt den Schüler Silvain Murdoch in „Die Durstigen“ mit brutaler, distanzloser Präsenz.
Bild: Martin Kaufhold

„Die Durstigen“ im Podium zeichnet ein düsteres Bild vom Erwachsenwerden. Ein verstörendes Stück, das nicht nur jugendlichen Besuchern einige Rätsel aufgibt

Irgendwann nach dem 16. Geburtstag beginnt der Verfall. Dann erlischt in jedem Menschen das Schöne, macht Routine und grauer Angepasstheit Platz. So beschreibt der frankokanadische Autor Wajdi Mouawad in „Die Durstigen“ den Prozess des Erwachsenwerdens, gegen den sich seine Protagonisten so sehr wehren – wenn sie den Kampf nicht schon längst verloren haben. Das Theater Ulm zeigt im Podium das 2006 uraufgeführte Drama in einer Inszenierung von Barbara Frazier mit Profidarstellern und Mitgliedern des Jungen Forums: ein kantiger, dunkler Brocken von einem Jugendstück über Leben, Liebe und Tod, der auch formal keine leichte Kost für junge wie erwachsene Zuschauer ist.

„Die Durstigen“ kreist um drei Figuren, deren komplizierte Verbindung zueinander sich erst spät entschlüsselt: das Mädchen Norwegen, das sich eines Tages in sein Zimmer einsperrt und niemanden sprechen will außer einen bestimmten Lehrer; der Gerichtsanthropologe Boon, der eines Tages einen ungewöhnlichen Fall zu lösen hat: Auf seinem Obduktionstisch liegt – eng umschlungen – ein junges Paar, das aus dem Fluss gefischt wurde; und der Schüler Silvain Murdoch, den die Aussicht auf ein Leben ohne Schönheit einfach nur wütend macht – und der jede Hoffnung verliert.

In den Dialog miteinander treten die Figuren während der 90 Minuten in der surrealen Retro-Kulisse (Bühne: Britta Lammers) praktisch nicht: „Die Durstigen“ ist eine Montage von einzelnen Monologen, in denen die Protagonisten sich an das Publikum richten. Zitternd und unsicher, wie der Gerichtsanthropologe Boon (AdK-Absolvent Matthias Happach in einer Gastrolle), aggressiv und vulgär wie Murdoch (Christian Streit), der dem lauten Furor auch wieder Momente der Niedergeschlagenheit folgen lässt: „Es ist frappierend, die Mechanik einer Welt zu sehen, die so lange magisch gewesen ist“. Fast horrorfilmartig mutet die Begegnung des Mädchens Norwegen (in der Premiere Rebekka Biener) mit ihrem älteren Selbst (Renate Steinle) an – eine der eindrücklichsten Szenen in der Inszenierung, die mit starken Bildern nicht geizt. Geglückt auch, wie Regisseurin Frazier die Rollen der Eltern der verzweifelten Norwegen mit zwei Kinderdarstellern (in der Premiere Julian Schleß und Pia Deutschle) besetzt – und so für die Hilflosigkeit der älteren Generation gegenüber dem Schmerz der Jugend eine Metapher findet.

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Trost oder Hilfe auf dem schweren Weg vom Kind zum Erwachsenen bietet „Die Durstigen“ nicht, im Gegenteil: Das Stück zeichnet ein düsteres Gemälde dieser Übergangszeit, an deren Ende irgendwie Tod ist: innerlich oder äußerlich. Gegenwartstheater, das bis zum bitteren Ende verstörend und rätselhaft bleibt.

am 24. und 27. September sowie am 7., 10., 16. und 30. Oktober.

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