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Neu-Ulm/Straß

21.05.2015

Schulstunde in der Moschee

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4 Bilder
Eine Grundschule zu Gast in der Moschee: Neu-Ulmer Schüler besuchten die Moschee in Straß, um vom Imam, dem Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft in Nersingen, gezeigt zu bekommen, wie Muslime beten.
Bild: Alexander Kaya

Vor einigen Wochen machte die Grundschule Stadtmitte mit Hetzparolen von Kindern gegen Christen und Juden Schlagzeilen. Nun steht eine Extralektion Toleranz auf dem Stundenplan.

Es ist mucksmäuschen still. Kein Husten, kein Flüstern. Und das obwohl etwa 140 Kinder eng nebeneinander auf dem Boden sitzen. Sie beobachten ihren Klassenkameraden ganz genau: Er ist Muslim und betet laut auf türkisch vor, das Gesicht Richtung Mekka gerichtet. Der Schulausflug zur Straßer Moschee hat einen ernsten Hintergrund: Denn es ist der Ausflug einer Neu-Ulmer Grundschule, die im März noch bundesweit in den Schlagzeilen stand – wegen Hetzparolen gegen Christen und Juden aus den Mündern von neun- oder zehnjährigen Mädchen und Buben.

Nach den islamistisch motivierten Anschlägen von Paris, bei denen 17 Menschen getötet worden sind, hatte eine Lehrerin der Grundschule Stadtmitte über die Ereignisse mit ihren Schülern diskutieren wollen. Die Pädagogin wurde dann aber mit Hetzparolen konfrontiert: Neun- und zehnjährige Mädchen und Buben muslimischen Glaubens äußerten ganz selbstverständlich, ihre Abneigung gegen Christen und Juden. „Du Christ“ sei eine schlimme Beleidigung, „Jude“ noch viel mehr. Und: „Juden stehen auf der Stufe von Schweinen.“

Auch beim Besuch in Straß sind diese Schüler mit dabei, die aber nachdem ihre Aussagen so viel Aufmerksamkeit bekommen haben, nichts dergleichen mehr von sich gegeben haben, berichten Lehrer der Schule. Den Wandertag nach Straß hat die Schule selbst initiiert: „Die Äußerungen von damals sind immer Thema“, sagt Beate Altmann, Rektorin der Grundschule. Das Thematisieren der verschiedenen Religionen sei noch wichtiger geworden.

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Auch das Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft in Straß, der Imam Hanifi Sari, gibt sich ganz diplomatisch: Wichtig sei, dass den Kindern beigebracht werde, dass die Kulturen gut miteinander auskommen, lässt er einen Übersetzer sagen. Und: Auch er besuche mit den Kindern des Islamunterrichts an der Straßer Moschee auch mal eine Kirche.

Zu den Ereignissen an der Grundschule Mitte Januar sagt er nicht viel, distanziert sich jedoch davon: Das seien Kinder, die so etwas sagten, ohne nachzudenken.

Der Meinung ist auch Murat Eray, Mitglied im Vorstand des Türkischen Kulturvereines in Nersingen. Er habe hingegen von den Vorfällen und Hetzparolen an der Grundschule gar nichts mitbekommen, sagt er. Ebenso wie der Imam beteuert er aber, wie wichtig es sei, dass Kinder auch andere Religionen kennenlernen.

Eigentlich lernen die Kinder tagtäglich verschiedene Kulturen kennen: Auf dem Pausenhof der Grundschule Stadtmitte spielen täglich rund 220 Kinder miteinander, von denen 89 Prozent einen Migrationshintergrund haben, davon sind 60 Prozent muslimisch. Die zwei Viertklässlerinnen Kamila Tomczak und Giulia Prutentino sind beide Christen, waren zwar noch nie in einer Moschee, haben aber muslimische Freundinnen: „Daher haben wir schon viel gewusst, was da heute gesagt wurde“, sagen beide irgendwie stolz.

Ebenfalls stolz klingen an diesem Tag einige der muslimischen Kinder, die bei der Fragerunde im großen Gebetsraum schnell ihren Finger nach oben strecken, um aufgerufen zu werden – damit sie dem Imam ihr Wissen über den Islam mitteilen können. Die meisten von ihnen Leben ihre Religion: Kaan Demir beispielsweise. Der Neunjährige kommt aus Ulm und geht freitags, samstags und sonntags in die Moschee zum Beten. An der Neu-Ulmer Grundschule nimmt er Islam-Unterricht. Dieser wird in zwei Klassen an vier Stunden in der Woche angeboten – zu wenig, findet Rektorin Altmann, der es lieber ist, dass die Kinder in der Schule eine islamische Unterweisung bekommen, als in externen Koranschulen.

Nach den abwertenden Äußerungen mancher Kinder sei etwa um Ostern herum „Ruhe eingekehrt“ – Altmann korrigiert sich: „Ruhe ist eigentlich nicht das richtige Wort, denn wir wollen, dass sich nachhaltig etwas verbessert, daher beschäftigen wird uns weiterhin mit den Weltreligionen.“ Aus diesem Grund planen sie und ihr Kollegium nach den Pfingstferien, einen Ausflug in eine evangelische und katholische Kirche sowie in eine Synagoge zu unternehmen.

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