1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Sexualkunde in der Kneipe

Solo-Stück

02.02.2016

Sexualkunde in der Kneipe

Schauspielerin Vicky Müller-Toùssa gibt im „Fiddler’s Green“ Tipps für Erotik und Liebe

„Fiddler‘s Green“ ist ein Irish Pub in Pfaffenhofen-Volkertshofen. Gern voll besetzt, es riecht nach Bier, Burgern und Wurstsalat. Erotisch ist das eigentlich nicht, und die Stimmen der Besucher schwirren geräuschvoll wie im Bienenstock. Und genau in diese Atmosphäre lud Chef Jens Hagg die griechischstämmige Schauspielerin Vicky Müller-Toùssa mit ihrem Ein-Frau-Stück „Sex? Aber mit Vergnügen!“. Theater im Pub – das braucht die volle Aufmerksamkeit des Publikums, und das, obwohl Getränke bestellt werden, obwohl die Schwingtüren aufgehen. Dass das Experiment gelang und das Publikum sich köstlich amüsierte, lag an der intensiven Gestik und Mimik der 34-jährigen Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, die seit zehn Jahren mit dem Monolog tourt, den Franca Rame – 2013 verstorbene Ehefrau des Literaturnobelpreisträgers Dario Fo – schrieb, 1994 in Italien unter der Regie ihres Mannes auf die Bühne brachte und selbst mit großem Erfolg spielte.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Müller-Toùssa, die aus Neuburg an der Donau kommt, spielt das Publikum in der Enge der Kneipe direkt an, adressiert manchen Mann sehr direkt, wenn sie Rames aerobicartige Tipps zu Orgasmus-Schwierigkeiten und Impotenz mit schelmischem Unterton verbreitet. Müller-Toùssa hat den Monolog für ihr Solo auf 90 unterhaltsame Minuten verkürzt, hat den Epilog über Vergewaltigung, deren Opfer Rame einst selbst wurde, gestrichen. So bleibt der kesse, ironische und alles andere als prüde Ton Rames, den Müller-Toùssa gekonnt interpretiert. Ein omnipräsentes Thema, über das viel geredet wird und über das man doch nicht spricht – reduziert auf einen winzigen Bühnenraum vor einem großen Adam-und-Eva-Bild. Der allererste Sex der Menschheit im Garten Eden unter dem Baum der Erkenntnis, dort wo Adam seine Eva in biblischer Sprache „erkannte“: Boccaccios freizügiges „Decamerone“ lässt grüßen, und Müller-Toùssa gibt ihrem Adam ein Stückchen unraffinierten Steinzeitmensch als Charakterzug. Autobiografisches aus dem Leben Rames spielt im Stück eine große Rolle, auch wenn Rames und Fos Sohn Jacopo zum jüngeren Bruder der Ich-Erzählerin mutiert. Dessen sehr direktes Aufklärungsbuch gab schließlich den Anstoß für das Stück.

Der erste Kuss – so gar nicht romantisch für das unerfahrene Mädchen. Die Aufklärung durch eine Tante, Lehrerin von Beruf. Der erste Sex – angstbeladen auch für Jakob, und eine Erkenntnis, die im italienischen Originaltext heißt „un cazzo non pensa ...“ – ein gewisses männliches Körperteil ist des Denkens halt nicht mächtig. Die Liebe aber, und um die geht es Rame eigentlich bei aller gewitzten Direktheit, sie braucht Ruhe und Zärtlichkeit und keine sportlichen Höchstleistungen. Das vor allem ist die Botschaft des Stückes – und die kommt auch im Fiddler´s Green beim Publikum an: Manch ein Mann hält seine Frau an diesem Abend im Arm.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren