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Ulm/Neu-Ulm

23.01.2020

Sie dürfen nicht vergessen werden

Ein neues Gedenkbuch für die Ulmer Opfer von NS-Zwangssterilisation und “Euthanasie”-Morden wird vom Ulmer Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg herausgegeben. Die Publikation verbindet individuelles Opfergedenken mit einer wissenschaftlichen Darstellung der historischen Hintergründe.

Ein neues Buch erinnert an die Ulmer Opfer von „Euthanasie“-Morden und Zwangssterilisation. Mehrere Gedenkveranstaltungen sind in nächster Zeit geplant.

„...aber ich hoffe, dass ich nicht verloren bin.“ Ein Satz aus einem Brief, den Mathilde Straub aus der psychiatrischen Heilanstalt an schrieb, lässt den Leser 80 Jahre später erschaudern. Denn die Ulmerin wurde am 5. November 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck (Kreis Reutlingen) ermordet. Zwei traurige Jubiläen bilden dieses Jahr den Rahmen für die Veranstaltungen des Arbeitskreises zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Ulm und Neu-Ulm: Vor 80 Jahren starb nicht nur Mathilde Straub sondern im Jahr 1940 begann die systematische, massenhafte Ermordung von Menschen in Nazi-Deutschland. Außerdem jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers von Auschwitz zum 75. Mal.

Opfer von NS-Zwangssterilisation und „Euthanasie“-Morden

Ein Gedenkbuch für die Ulmer Opfer von NS-Zwangssterilisation und „Euthanasie“-Morden ist Teil eines Projekts, das am Landgericht längst sichtbar ist: dort steht das „Erinnerungszeichen“. Zweieinhalb Jahre wühlten sich Gudrun Silberzahn-Jandt durch und Josef Naßl durch bundesweit 25 Archive um etwas Licht in eines der dunkelsten Kapitel regionaler Geschichte zu bringen. „...aber ich hoffe, dass ich nicht verloren bin“ heißt ihr 208 Seiten starkes Werk, das auch die Geschichte von Mathilde Straub erzählt. Die Herausgeber, Nicola Wenge, die Leiterin des Ulmer Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, sowie Michael Wettengel, der Leiter des Ulmer Stadtarchivs, wollen mit dem Buch den in Vergessenheit geratenen Opfern ihre Biografie und somit auch ein Stück ihrer Würde zurückgeben. Mindestens 183 psychisch kranke oder behinderte Menschen aus Ulm und der Region wurden seit 1940 von Ärzten und Pflegepersonal in Tötungs-, Heil- und Pflegeanstalten ermordet. Weil sie als „lebensunwert“ galten.

„Unverändert wertlos“ ist so ein Eintrag den Naßl immer wieder in Krankenakten fand. Ein Eintrag, der immer auf den baldigen, grausamen Tod des Patienten hingewiesen habe. Als „unverändert wertlos“ wurde etwa Friedrich Leibinger eingeordnet, der am 12. Juni in die Landesfürsorgeanstalt Oberer Riedhof „verwahrt“ wurde. Er starb wenige Tage nach Kriegsende mit einem Gewicht von gerade 26 Kilogramm an Hunger.

Sie dürfen nicht vergessen werden

Es gab wohl über 600 Opfer der „Euthanasie“

Kurzbiografien wie die von Friedrich Leibinger oder Mathilde Straub bilden einen Großteil eines Buches, das eigentlich noch viel dicker sein müsste. Denn die Dunkelziffer ist weit höher: „Es wurde viel verschleiert in den Krankenakten“, sagt Naßl. So wurden etwa Todesorte in Urkunden geändert. Naßl schätzt, dass es rund um Ulm wohl in Wahrheit über 600 Opfer der „Euthanasie“ gab. Und so betont Wenge, dass das Buch auch kein Schlusspunkt der Forschung sei.

Gewürdigt werden in dem Buch auch 1155 Menschen aus der Region, die zwischen 1934 und 1944 gegen ihren Willen sterilisiert wurden. Ein Thema, das, so Wettengel, lange Zeit in der wissenschaftlichen Aufarbeitung vernachlässigt worden sei. „Nicht fortpflanzungswürdig“ bezeichneten die Nazis Menschen mit als erblich betrachteten Krankheiten. Das Buch wird am Donnerstag, 30. Januar, um 19 Uhr im Haus der Stadtgeschichte vorgestellt und ist in jedem Buchhandel erhältlich.

Befreiung von Auschwitz

Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz beteiligt sich die Ulmer KZ-Gedenkstätte an der Online-Aktion „Lichter gegen die Dunkelheit“. Am 27. Januar werden bundesweit alle Gedenkstätten gleichzeitig um 17 Uhr beleuchtet. Zu sehen ist das unter lichter-gegen-dunkelheit.de. Zuvor, um um 14.30 Uhr, findet in der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg eine erste Gedenkveranstaltung statt. Der Ulmer Historiker Ingo Bergmann wird zum Thema „Ermordet - gerettet - befreit: Ulmer Biografien und Auschwitz“ sprechen. Wenge wird unter dem Titel „Was in Ulm am Oberen Kuhberg begann… - 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz“ die Entwicklung des KZ-Systems von den Anfängen des nationalsozialistischen Terrorapparats bis zum Menschheitsverbrechen des Holocausts eingehen und den 75. Jahrestag der Befreiung nachzeichnen.

Neu-Ulm gedenkt Verfolgung und Gewalt

Auch die Stadt Neu-Ulm gedenkt an diesem Tag der Mitbürger, die den unmenschlichen Repressalien des Regimes der Nationalsozialisten durch Verfolgung und Gewalt ausgesetzt waren. Die Feierstunde beginnt um 15.30 Uhr beim Gedenkstein für ehemalige jüdische Mitbürger auf dem Neu-Ulmer Friedhof. Die Veranstaltung wird von den Schülern des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums sowie dem Chor der Mitarbeiter des Heilpädagogischen Zentrums der Lebenshilfe mitgestaltet.

Bei einem Requiem in der Kirche St. Michael zu den Wengen am 27. Januar um 20 Uhr wird ein 40 Meter langes Band quer durch die Kirche gelegt, auf dem alle 183 bekannten Namen von Ulmer „Euthanasie“-Morden stehen.

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