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Neu-Ulm

16.12.2020

Sie war das Mädchen aus dem Milchladen in Neu-Ulm

Die 90-jährige Anna Gabriel in ihrer Wohnung vor einer kleinen Foto-Ahnengalerie. In der oberen Reihe in der Mitte ist ihr verstorbener Mann.
Bild: Stefan Kümmritz

Plus Anna Gabriel ist vielen Neu-Ulmern bekannt als Verkäuferin in der Kasernstraße. Heute wird sie 90. Erinnerungen der Jubilarin an ein bewegtes Leben.

Anna Gabriel hat es sich am Küchentisch ihrer Neu-Ulmer Innenstadtwohnung gemütlich gemacht. Selbst gebackenes Weihnachtsgebäck und Kaffee versüßen ihr den Nachmittag und sorgen für Behaglichkeit. Man sieht ihr nicht an, dass sie heute 90 wird. Sie wirkt wie höchstens 80. Dabei hat sie lange ein sehr schweres Leben gehabt, an dessen Mühsale sie sich gut erinnert. Ältere Neu-Ulmer kennen sie noch aus einem Milchladen in der Kasernstraße.

Anna Gabriel ist noch rüstig und versorgt sich vorwiegend alleine, sodass ihre beiden Töchter da wenig einspringen müssen, es aber doch immer wieder gerne tun. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie ist die Seniorin einmal pro Woche in den Neu-Ulmer Generationentreff zum Tanzen gegangen, „aber ich glaube, jetzt wird das nichts mehr“, so Anna Gabriel, die immerhin noch jeden Tag zur Donau geht, obwohl ihr das Laufen mit 90 nicht mehr ganz so leicht fällt. „Aber im Generationentreff habe ich durchaus noch flotte Tänze hingelegt.“

Harte Zeiten

Eigentlich scheute Anna Gabriel, die schon lange in ihrer Straße wohnt, ein wenig das Interview, aber ihre Tochter Ingrid hat sie „überzeugt“. Letztlich hat es ihr dann doch gefallen, in ihren Erinnerungen zu kramen. Sie wurde am 16. Dezember 1930 im kleinen slowakischen Ort Zeche als Tochter deutscher Eltern geboren, die mit ihren Eltern dorthin ausgewandert waren. „Mein Großvater war dort der reichste Bauer, und auch mein Vater hatte eine große Landwirtschaft“, denkt die Jubilarin an die Zeit zurück. „Wir hatten ein schönes Haus und ein paar Viecher. Doch als ich im Zweiten Weltkrieg elf oder zwölf Jahre alt war, mussten wir Deutsche alle bis auf die Männer weg, zurück nach Deutschland. Wir wurden vertrieben, mussten alles zurücklassen. Mein Vater, der als Sechzehnjähriger zu den Soldaten gemusst hatte, konnte uns nur hinterherwinken. Es war schrecklich.“

Es begannen harte Zeiten für Anna Gabriel. Sie wurde mit der übrigen Familie ins Sudetenland gebracht und durfte erst nach dem Kriegsende zurück nach Zeche. „Die Slowaken hatten alle Häuser besetzt und wir kamen dann für ein Jahr ins Lager nach Beunice. Dort war es ganz schlimm.“ Anna Gabriel erzählt, dass sie mit Bekannten zusammen nur ein einziges Zimmer bewohnen durften. „Wir mussten damals jeden Tag zwei Stunden lang einen Berg hochlaufen und dann schwere Holzscheite runtertragen. Das war eine heftige Arbeit. Und zu essen gab es nur Kartoffelsuppe. Ohne Sonstiges. Jeden Tag.“ Wenn Anna Gabriel erzählt, wandern ihre lebhaften Augen hin und her, als ob sie in jeder Ecke der Küche Erinnerungen entdecken würde, und seien es auch die schlechten.

Zum Einkaufen drei Stunden lang nach Weißenhorn gelaufen

Nach diesem furchtbaren Jahr verließ die Familie, zu der dann auch der Vater wieder gestoßen war, die Slowakei, orientierte sich gen Weißenhorn und ließ sich in Niederhausen in einem Bauernhof nieder. „Wir hatten ein Zimmer über dem Kuhstall und verrichteten schwere landwirtschaftliche Arbeit“, erinnert sich die Seniorin. „Zum Einkaufen sind wir drei Stunden lang nach Weißenhorn gelaufen, auch im Winter, und wir hatten keine richtigen Schuhe.“ 1948 zog die Familie nach Neu-Ulm. „Am Bahnhof habe ich damals meinen Mann kennengelernt“, erzählt die 90-Jährige. „Ich habe dort auf meine Chefin gewartet und ein Mann auf seine Mutter, wie ich erfuhr. Der Mann, ein Deutscher, der in Frankreich in Gefangenschaft und dann dort tätig war, fragte mich, auf wen ich warte und ich sagte es ihm. Wir redeten kurz miteinander und haben uns dann lange nicht mehr gesehen.

Neu-Ulmerin ist Fan des FC Bayern

Es dauerte eineinhalb Jahre, bis wir zusammenkamen.“ Gabriel berichtet, dass sie damals, nachdem sie länger im Milchladen in der Kasernstraße tätig gewesen war, ein paar Jahre in Ulm bei Waffen Walther gearbeitet und sich anschließend mit Stoffeschneiden etwas zur Rente hinzuverdient habe und sagt mit Stolz: „Ich habe damals gut schießen können. Ich habe bei Walther Gewehrschäfte poliert und eingelassen, das war eine schwere Arbeit.“ 1952 hat sie ihren Mann geheiratet. Die Ehe währte aber nicht ewig, denn als sie 63 war, starb ihr drei Jahre älterer Gatte. „Aber wir hatten zusammen ein schönes Leben mit einigen Reisen“, freut sich Anna Gabriel heute noch. Sie hatte mit knapp 50 noch den Führerschein gemacht („Ich war eine gute Fahrerin“) und war mit ihrem Mann auch in die Normandie getourt, wo er früher in Gefangenschaft war. „Er und die anderen hausten in einem Schuppen“, so die Erinnerung Gabriels. „Aber die Frau, die ihn dann besaß, war sehr nett und hat uns sogar mal besucht.“

Anna Gabriel, die ihre Fußballbegeisterung gerne auslebt und bekennender Fan des FC Bayern München ist, erinnert sich an eine seltene, für sie sehr schöne und auch etwas amüsante Begegnung vor einiger Zeit: „Die Eltern des bekannten Sängers Gunter Gabriel wohnten neben meinen Schwiegereltern und eines Tages traf ich ihn. Er war sehr charmant zu mir. Na ja, bei dem Namen.“

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