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Ulm

03.05.2020

Situation in Pflegeheimen: Wird kostbare Zeit verschwendet?

Ein Bild aus besseren Tagen: Tanja Schirmer und ihr Mann vor Beginn der Pandemie.
Bild: Sammlung Schirmer

Plus Eine Ulmerin darf ihren Mann im Pflegeheim nicht besuchen. Sie fürchtet: Eine zweite Corona-Welle könnte kommen, bevor das wieder erlaubt ist.

Tanja Schirmer ist 43 Jahre alt, von Beruf Krankenschwester und wohnt in Söflingen. Seit zehn Jahren ist sie mit einem Informatiker ver-heiratet, dem sie allerdings seit sechs Wochen nicht mehr begegnet ist. Der Ehemann ist schwer an Multipler Sklerose erkrankt, wird in einem Söflinger Pflegeheim rund um die Uhr versorgt. Wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus ist das Haus wie alle anderen Alten- und Pflegeheime auch für Besucher geschlossen – seit dem 15. März. Die jüngsten Änderungen in Baden-Württemberg eröffnen dem Paar zwar neue Chancen. Doch Sorgen und Probleme bleiben.

Tanja Schirmer hadert nicht mit ihrem Schicksal, obwohl es schwer zu ertragen ist, den Ehemann nicht mehr wie früher nach Belieben besuchen zu können. Sie behilft sich, die Verbindung aufrecht zu erhalten, indem sie Briefe schreibt, telefoniert und dem Patienten hin und wieder aus der Ferne auf dem Balkon des Pflegeheims zuwinkt. Sie bewundert trotz aller eigenen Not die Geduld und rührende Umsicht des Pflegepersonals. Denn die Briefe müssen dem Ehemann wegen seiner umfassenden körperlichen Behinderung vorgelesen werden. Zum Telefongespräch muss ihm jemand das Gerät halten. Und um auf den Balkon zu gelangen, wird er in einen Rollstuhl gesetzt und hinausgefahren. Im Gespräch mit unserer Redaktion dankt die Ehefrau wiederholt dem Personal für seinen Einsatz zum Guten ihres Mannes.

Coronavirus: Frau aus Ulm darf ihren Mann nicht im Pflegeheim besuchen

Dennoch betrachtet sie das Dasein des Ehemanns wie auch aller anderen Bewohner des Heims als „lebendig begraben“. Von der Politik, aber auch von allen anderen, die jetzt die schrittweise Rückkehr zum einigermaßen „normalen Leben“ mit verminderten Einschränkungen aus der Corona-Epidemie befürworten, sieht sie sich getäuscht. „Kindergärten und Schulen, bestimmte Ladengeschäfte, Restaurants und Biergärten sollen nach und nach wieder geöffnet werden“, stellt sie fest. „Wahrscheinlich kann man bald auch wieder in den Urlaub verreisen“. Über die Alten- und Pflegeheime habe lange Zeit kaum jemand ein Wort verloren. Auch da ließen sich Wege und Regelungen finden, die unter Einschränkungen Besuche ermöglichten, meint sie.

Nun gibt es Anlass zur Hoffnung für die 43-jährige Söflingerin und andere Angehörige: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat die neuen Corona-Regeln für das Bundesland vorgestellt. Die Ausgangssperre für Heimbewohner ist aufgehoben, es gelten strenge und genaue Hygiene-Vorgaben. Besuche in den Einrichtungen sind dagegen nur in Ausnahmen gestattet. Das Ehepaar könnte sich also im Freien treffen, wäre aber auf die Hilfe des ohnehin massiv beschäftigen Pflegepersonals angewiesen. Doch Tanja Schirmer treibt nicht allein die Sorge um die akut nicht zulässigen Besuche in den Pflegeheimen um. Sie fürchtet ganz konkret, das Coronavirus könne mit den gelockerten Beschränkungen, vor allem den denkbaren Urlaubsreisen, erneut verbreitet werden. „Eine zweite Epidemiewelle könnte uns überrollen, sodass Teile der Lockerungen zurückgenommen werden müssten“, fürchtet sie.

Coronavirus: Neue Regelungen für Baden-Württemberg machen Hoffnung

Kitas und Schulen, Hotels und Läden würden teilweise wieder geschlossen, noch ehe die Pflegeheime unter strengen Auflagen ihre Türen für Gäste hätten öffnen können. Genau jetzt, in diesen Wochen der sinkenden Infektionszahlen aber, sieht sie die Chance, Besuche in den Heimen zu erlauben. Stattdessen aber müsse sie mit ansehen, „wie gesunde Menschen auf Kosten der Kranken die teilweise zurückgewonnene Freiheit genießen können“. Das ursprünglich in der Krise hochgehaltene Gemeinschaftsgefühl „Alle für einen, einer für alle“ drohe verloren zu gehen. Sie sehe es als ausgeschlossen an, dass demnächst ein weitgehend normales Leben geführt werden könne, während in den Heimen die Menschen immer noch allein gelassen und eingeschlossen leben müssten.

„Jetzt im Mai ist die kostbare Zeit, den Angehörigen der Heimbewohner die Türen zu öffnen“, sagt Tanja Schirmer. Es sei emotional nicht auszuhalten, sich eine neue Welle vorzustellen, die zur fortdauernden Schließung der Heime führen werde. Zunächst Urlaubsreisen zu gestatten und erst danach sich um die Pflegeheime zu kümmern, sei nicht in Ordnung. Deshalb müsse weiterhin der Aufruf zu Ausgangsbeschränkungen gelten. Vor allem aber sollten die Angehörigen der Heimbewohner gehört werden, um mit ihnen gemeinsam Zugangsmöglichkeiten zu finden.

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