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Archäologie

24.11.2017

Sonderzug in die Vergangenheit

Aus römischen Gräbern stammen die bei Merklingen entdeckten Gefäße (Bild oben). Bei den Grabungen wird auch mit Theodoliten gearbeitet, hier präsentiert von Kurt Wehrberger vom Museum (Mitte) sowie Simon Hye (links) und Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege.
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Aus römischen Gräbern stammen die bei Merklingen entdeckten Gefäße (Bild oben). Bei den Grabungen wird auch mit Theodoliten gearbeitet, hier präsentiert von Kurt Wehrberger vom Museum (Mitte) sowie Simon Hye (links) und Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege.

Die Ausstellung „41 Minuten“ im Museum Ulm präsentiert Funde aus Grabungen an der neuen Bahntrasse nach Stuttgart. Diese brachten einige erstaunliche Erkenntnisse

Ein bisschen mehr Zeit, als der Titel nahelegt, sollte man schon mitbringen ins Museum Ulm. Denn „41 Minuten“ ist kein Vorschlag für die Dauer des Besuchs. So lange wird es dauern, mit dem Regionalzug von Ulm nach Stuttgart zu fahren, wenn in einigen Jahren die Neubaustrecke über die Schwäbische Alb eröffnet ist. Während die Bauarbeiter noch kräftig am Schaffen sind, haben die Archäologen ihren Job schon fast erledigt: Sie untersuchten von 2010 bis 2016 die für die Trasse eingeplanten Flächen und parallel dazu die, die für den A8-Ausbau zwischen Hohenstadt und Ulm vorgesehen waren. Was sie ans Tageslicht beförderten, brachte teils ganz neue Erkenntnisse über das Leben in der Region.

Die Ausstellung „41 Minuten – Auf archäologischem Gleis über die Schwäbische Alb“ entstand als Kooperation zwischen dem Museum und dem baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege. Eine Kooperation, die unter anderem schon 2013 bei der Schau zur Rückkehr des eiszeitlichen Löwenmenschen nach Ulm erfolgreich war. Die Behörde trug die Verantwortung bei der Grabung, bei der eine Fläche von 460 Hektar untersucht wurde. „Es gab immer wieder interessante Einblicke“, sagt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt. Diese sind im Museum aufgereiht wie die Bahnhöfe an der Strecke, wie Kurator Kurt Wehrberger erklärt: „Wir wollen Sie auf eine imaginäre Zugfahrt mitnehmen.“ Eine Zugfahrt durch 7000 Jahre Geschichte.

Los braust der Zug – natürlich – in Ulm, genauer am Kienlesberg, wo ein Gräberfeld aus alamannischer, also frühmittelalterlicher Zeit entdeckt wurde. Zwar schon 1857, aber dafür genau an der Mündung der neuen Tunnelportale. Nicht weit entfernt davon, im Lehrer Tal, fand man bei den Bahn-Grabungen frühe bäuerliche Ansiedlungen aus der Jungsteinzeit – inklusive der Grundrisse typischer Langhäuser aus der Kultur der sogenannten Linearbandkeramiker aus dem sechsten Jahrtausend vor Christus. Rekonstruktionen dieser bis zu 14 Meter langen Bauten sind als Computergrafik zu sehen. Ebenso ein römischer Gutshof, der bei Dornstadt festgestellt wurde. Aus dessen Umfeld stammt das schönste Exponat der Ausstellung: eine bronzene Zierscheibe mit der aufgesetzten Darstellung einer Komödienmaske.

Speziell über die Anwesenheit der Römer auf der Alb fanden die Archäologen Neues heraus: Bei Nellingen, unweit der A8-Abfahrt Merklingen, förderten sie mehr als 6000 Sandalennägel zutage, verteilt über einen etwa 500 Meter langen Abschnitt. Dem Experten Scheschkewitz zufolge ein Beleg für einen dort vorhandenen und bislang unbekannten Verkehrsweg. Manche der Nägel stammen aus einer Zeit, als die Römer in dieser Region noch gar nicht die Kontrolle übernommen hatten. Stammen sie von Legionären auf Erkundungsexpeditionen? Oder von Händlern? Nicht minder interessant sind aus Sicht der Archäologen die Spuren hochmittelalterlicher Eisenerzverhüttung, die am Aichelberg zutage traten. Laut Scheschkewitz lassen sie erkennen, in welchem Maßstab und mit welcher Professionalität Eisen verarbeitet wurde.

„41 Minuten“ ist keine Show der Sensationen, bietet keine Löwenmenschen oder Himmelsscheiben. Aber sie nimmt einen mit auf eine (Zug-)Reise in die faszinierende Welt der Archäologie, ihrer Möglichkeiten und Methoden. Wer noch tiefer in die Materie eintauchen will, kann dies in einem knapp halbstündigen Film über die Alb-Ausgrabungen tun, der in Dauerschleife im Museum läuft. Oder in dem zugehörigen Buch mit auch für Laien verständlichen Beiträgen (144 Seiten), das im Museum (18 Euro) oder im Buchhandel (20 Euro) erhältlich ist.

„41 Minuten“ wird heute, Freitag, um 19 Uhr im Museum Ulm eröffnet und läuft danach bis 8. April 2018.

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