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Konzert

16.11.2017

Spirituelle Show

Estas Tonne ist ein außergewöhnlicher Gitarrist.
Bild: Dagmar Hub

Dem Gitarristen Estas Tonne schreiben viele übermenschliche Kräfte zu. In der Ulmer Pauluskirche zeigt er seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und inszeniert sich selbst

Man reibt sich die Augen: Vor dem Altarraum der Pauluskirche sitzt ein Mann mit seiner Gitarre, der dem Künstler Adolf Hölzel vor 117 Jahren für seine Christus-Darstellung in der Chornische der Pauluskirche Modell gestanden haben könnte. Die Szene wirkt aufgrund der unglaublichen Ähnlichkeit des Gitarristen Estas Tonne zu Hölzels Christusfigur surreal. Ganz zufällig ist diese Ähnlichkeit nicht: Unter den Fans des in der Ukraine als Stanislav Tonne geborenen Gitarristen gibt es etliche, die glauben, Christus wohne in ihm; andere schreiben ihm übermenschliche Kräfte zu.

Doch manches am Christus-Bild ist schief: Tonne hat während der Konzerte seiner „Reviving Water“-Tour Räucherstäbchen am Capo d´astro seiner Gitarre befestigt und sitzt in den aufsteigenden Schwaden. Spielt er sich in einen Rausch hinein? Spielt er sein Publikum in Trance? Das erste Stück dauert 90 Minuten. Estas Tonne ist ein außergewöhnlicher Gitarrist, das ist unbestritten. Ein derart langes Stück – teils komponiert, teils improvisiert – mit seinen verschiedenen Stimmungen durchzuziehen, meist mit dem Flamenco entliehenen Techniken, dazu gehört Energie und Leidenschaft.

Dazwischen malträtiert Tonne seine Gitarre auch mit Klopfen und Scharren. Geräusche entstehen, die manchmal an das Reiben von Steinen am Ufer des Meeres erinnern, manchmal an das Tropfen von Wasser. Das ist spirituell, kontemplativ, mystisch, esoterisch – ähnlich wie die wenigen Worte, die Tonne mit ausgeprägt langsamer Flüsterstimme und starkem Akzent in seinem Englisch spricht. Es geht um die mysteriöse Kraft des Wassers und darum, dass die Reinigung des Ozeans mit einem einzigen Tropfen beginnt. Es geht darum, „unser inneres Wasser zu reinigen und zu erforschen“. Dabei geschieht aber auch ein ganzes Stück Selbstinszenierung: Wenn Estas Tonne seine leisen Worte eindringlich zum Publikum spricht, streicht er sich das lange Haar mit gewollt langsamer Bewegung hinters Ohr. Völlige Entschleunigung in der aufsteigenden Wolke der Räucherstäbchen geschieht da, Sein und Schein gleichzeitig.

Die Zäsur nach 90 Minuten spiegelt die Reaktion des Publikums: Abwanderung aus der Pauluskirche bei denen, die wenig mit Show oder der Musik Tonnes anfangen können, setzt ein. Der deutlich größere Teil des Publikums sind echte Fans von Estas Tonne. Sie lauschen hingerissen mit geschlossenen Augen, feiern ihn am Ende des Konzerts mit stehenden Ovationen. (köd)

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