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09.10.2019

Spitzer fordert: Handys raus aus Kindergärten

Der Hirnforscher Manfred Spitzer sprach am Dienstagabend im Sendener Bürgerhaus vor rund 600 Besuchern.
Bild: Andreas Brücken

Der Psychologe Manfred Spitzer präsentiert im Bürgerhaus in Senden dramatische Studienergebnisse über Buben und Mädchen, die mit dem Computer aufwachsen.

Kaum eine andere Erfindung hat die Gesellschaft in den vergangen zehn Jahren deutlicher beeinflusst als das Smartphone. Auchfür die meisten Buben und Mädchen sind Handy oder Tablets nicht nur eine Möglichkeit zu kommunizieren, sondern auch ein alltäglicher Helfer oder verlockendes Spielzeug.

Der Psychologe und Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, Manfred Spitzer, fordert jedoch, Smartphones, Spielekonsolen und Tablets von Kindern fernzuhalten. „Digitalfreie Kindergärten“ lautete der Titel, unter dem der Wissenschaftler am Dienstagabend im fast vollen Bürgerhaus in Senden sprach. Die Stadtbücherei hatte zum Informationsabend eingeladen und rund 600 Besucher kamen. Doch auch der Digitalkritiker führte mithilfe einer digitalen Präsentation durch den Abend. „Für mich ist der Computer ein Werkzeug, der meine Arbeit erleichtert“, sagte der Hirnforscher. Zahlreiche Studien hätten aber gezeigt, dass sich der frühe Eintritt in die Welt von Bits und Bytes negativ auf die Entwicklung der jungen Menschen auswirken würde, sagte Spitzer und erklärte, dass Kinder, die nur über eine neutrale Oberfläche wie die eines Tablets wischen, die Zusammenhänge von Formen und Beschaffenheit nicht erfassen könnten. Doch sei Deutschland im internationalen Vergleich glücklicherweise noch altmodisch, fügte er hinzu und zeigte Beispiele aus den USA, bei denen selbst schon Kleinkinder mit Spiele-Apps versorgt werden.

244 Milliarden Euro Schaden durch Kurzsichtigkeit

Die Frage sei nicht für oder gegen die digitalen Medien, sondern entscheidend sei, dass Kinder und Jugendliche mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter selbstständig die Medien beherrschen, sagte Spitzer und schloss sich der These seiner Kollegen an: „Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz.“ Neurowissenschaftlich sei der Mensch erst ab dem 25. Lebensjahr erwachsen, sagte Spitzer und stellte fest, dass das Handy der kriminellste Ort der Welt sei, in dem es jede Form von Verbrechen gibt, während jedes Kind damit ungehemmt und bedenklos umgehen dürfe.

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Neben einer „drohenden Verdummung der kommenden Generation“, wie Spitzer sagte, würden auch die gesundheitliche Folgen in eine unabsehbare Katastrophe führen: Übergewicht, Bluthochdruck und Kurzsichtigkeit seien die Folgen der übermäßigen Sitzungen vor dem Bildschirm, führte der Psychologe aus: „Die Weltgesundheitsorganisation hat einen jährlichen Schaden von 244 Milliarden Euro durch Kurzsichtigkeiten errechnet.“

Den Schuldigen für die Misere hat der Wissenschaftler, wie er sagte, bei den Medien und der Politik ausgemacht, die von den großen Internetkonzernen gesteuert würden. Damit gibt sich der Psychologe kämpferisch: „Wir müssen unsere Kinder vor den Interessen der mächtigen Onlinefirmen schützen.“ Ähnlich wie einst die Tabakfirmen, die vor Jahrzehnten die Jugendlichen auf dem Pausenhof in die Sucht getrieben hätten, würden heute digitale Verführer in die Abhängigkeit führen. Ungefähr 465000 Smartphonesüchtige gebe es in Deutschland, sagte Spitzer. Dem gegenüber stünden derzeit lediglich 200 Therapieplätze.

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