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Besuch

29.06.2017

Stippvisite beim Löwenmenschen

In den Händen eine Kopie – aber im Hintergrund das Original: Der Kunsthistoriker Neil MacGregor ist fasziniert vom Löwenmenschen im Museum Ulm.
Bild: Andreas Brücken

Er macht Wissenschaft populär: Der Kunsthistoriker Neil MacGregor genießt nicht nur unter Fachleuten einen ausgezeichneten Ruf. Nun führte ihn ein besonderes Projekt nach Ulm

In dieser besonderen Umgebung wird Neil MacGregor ein bisschen feierlich. „Hier fängt die europäische Zivilisation an“, sagt der 71-jährige Schotte – und sein Wort hat Gewicht. MacGregor, bis 2015 Chef des British Museums und jetzt Gründungsintendant des Humboldtforums im wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss, ist beeindruckt vom rund 40000 Jahre alten Löwenmenschen. Ins Museum Ulm führte ihn jedoch nicht seine Museumsarbeit, sondern eine neue Serie für den Hörfunk der BBC. „Wir wollen die gesellschaftliche Rolle der Religion untersuchen“, sagt MacGregor, der fließend Deutsch spricht.

30 Folgen sind geplant, und gleich die erste davon handelt vom Löwenmenschen aus dem Lonetal, eines der ältesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte – und ein Hinweis auf die religiöse Praxis der Eiszeit-Jäger, aus deren Kultur er stammt. „In der Geschichte gibt es keine Gesellschaft ohne Glaubenssystem“, sagt der Kunsthistoriker. Und das alles beginne genau hier, beim Löwenmenschen. Dieser wurde geschaffen von Menschen, die uns mehr ähneln, als wir es denken. MacGregor: „Das sind moderne Leute, physiologisch und neurologisch. Sie dachten und fühlten genauso wie wir.“ Mac Gregor findet es bemerkenswert, dass wir derzeit eine Epoche haben, in der erstmals Menschen ohne eine geteilte Geschichte, also eine verbindende Religion, zusammenleben. Ein gesellschaftliches Experiment? MacGregor meint ja: „Aber ob die Menschen wissen, dass sie Teil eines Experiments sind?“

Natürlich hat der leidenschaftliche Kulturvermittler MacGregor, einem breiten Publikum vor allem als Autor von Büchern wie „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ bekannt, eine Meinung zum Thema Weltkulturerbe: Am Wochenende beginnt in Krakau die Unesco-Tagung, auf der über die Aufnahme der Eiszeitkunst-Höhlen in den Kreis der Welterbestätten entschieden wird. MacGregor würde ein Ja begrüßen: „Es wäre gut für das Prestige der Objekte.“ Aus den sechs im Antrag enthaltenen Höhlen im Ach- und Lonetal stammen neben dem Löwenmenschen unter anderem die „Venus vom Hohle Fels“ und verschiedene Tierdarstellungen. Der Welterbe-Titel, so MacGregor, könnte diesen die Aufmerksamkeit verschaffen, die sie verdient haben. Ihre Schöpfer seien Künstler gewesen, „Bildhauer ersten Ranges“.

Und was sagt MacGregor zur Präsentation des Löwenmenschen im Museum Ulm, wo dieser keine große Halle, sondern einen engen Raum hat? Er findet sie – für manche wohl etwas überraschend – genau richtig. Die Figur sei einst für einen kleinen Raum geschaffen worden, deswegen müsse man sie auch so zeigen. „Man muss intim mit diesem Objekt umgehen“, sagt MacGregor. „Die Figur ist so haptisch, man möchte sie sofort in die Hand nehmen.“ Er selbst darf dies immerhin mit einer Kopie tun.

Mit dem Thema Glaube und Gesellschaft befasst sich aber nicht nur eine Radioserie, sondern auch eine Ausstellung im British Museum, die im Herbst eröffnen soll. Ein Exponat: der Löwenmensch – im Original. Es ist erst das fünfte Mal, dass die Elfenbein-Statuette das Museum verlässt. Wahrscheinlich, so Archäologie-Kurator Kurt Wehrberger, wird sie aber nicht über die gesamte Laufzeit von fünf Monaten in London bleiben. „Wenn wir Unesco-Welterbe sind, können wir nicht monatelang auf das Original verzichten.“ Über die genaue Dauer der Ausleihe werde aber noch mit dem British Museum verhandelt, so Wehrrberger.

Mcgregor freut sich aber schon jetzt auf das Gastspiel der wertvollen Figur in der britischen Hauptstadt. Er ist sich sicher: „Wenn der Löwenmensch nach London fährt, wird er der Star der Ausstellung sein.“ Er selbst muss schon wieder weiter. Nächstes Ziel: die Höhlen auf der Schwäbischen Alb.

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