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Ulm / Neu-Ulm

08.07.2016

Strich am Fluss: Die Schattenwelt hinter dem Rotlicht

Am Rande des Donaufestes ging es um das Thema Zwangsprostitution.
Bild: Boris Roessler/Archiv (dpa)

Menschenhandel und Zwangsprostitution sind in Neu-Ulm und Ulm Realität. Ein Kriminalrat erzählt über die Szene, Ermittlungen und seine Grenzen.

Blutjunge, verschüchterte Frauen, die so gut wie immer aus Südosteuropa kommen: Sie trifft Bernd Ziehfreund, der stellvertretende Leiter der Ulmer Kriminalpolizeidirektion, regelmäßig an, wenn er die Bordelle der Stadt kontrolliert. Oder – wie jüngst – mit 20 schwer bewaffneten Polizisten eine Razzia anführt. „Oft drängt sich der Verdacht auf, dass die Damen nicht freiwillig hier sind“, sagt er bei der Podiumsdiskussion „Strich am Fluss – Menschenhandel und Zwangsprostitution entlang der Donau“ am Mittwochabend im Ulmer Stadthaus.

Das Bild, das der Kriminaler von der regionalen Rotlichtszene zeichnet, ist erschreckend: Es gebe deutliche Hinweise, dass Frauen regelmäßig geschlagen werden und per Androhungen weiterer Gewalt gegen sie selbst oder ihre Familie in fernen Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder Moldawien zur Prostitution gezwungen werden. Trotz teilweise auf den ersten Blick eindeutiger Hinweise komme es sehr selten – nur in ein bis zwei Fällen pro Jahr – zu einem konkreten Ermittlungsverfahren.

Der Grund: Die betroffenen Frauen würden ihre Aussagen meist zurückziehen. Außerdem sei die Hemmschwelle gegenüber der Polizei groß, weil die Frauen – die selten Deutsch sprechen – Sicherheitsapparate nie als Freund und Helfer wahrgenommen hätten. Zwangsprostitution sei in Ulm bisher deshalb kaum stichhaltig nachweisbar gewesen.

Zwangsprostitution ist selten auf den ersten Blick erkennbar

Das Gewerbe habe in Ulm und Neu-Ulm viele Gesichter: Beileibe nicht in jedem Bordell werde der Zwang auf den ersten Blick offenbar. Oft wirke es auch so, dass die Frauen „weitestgehend selbstbestimmt“ ihrer Arbeit nachgehen. Dies ändere aber nichts daran, dass große Teile der Ulmer und Neu-Ulmer Rotlichtszene mit Akteuren des kriminellen Milieus durchsetzt seien. Ausbrüche von Gewalt inklusive: Die – bisher immer noch ungeklärten – Schusswechsel im Mai vergangenen Jahres zeigten, dass erhebliches „Gefährdungspotenzial“ vorhanden ist. „Es gibt in Ulm und Neu-Ulm Bordellchefs mit langen Vorstrafenregistern“, beklagt Ziehfreund. „Manchmal habe ich das Gefühl, es ist schwieriger eine Pommesbude zu eröffnen als ein Bordell“, sagt Ziehfreund am Mittwoch über den liberalen Umgang mit dem Thema Prostitution in Deutschland.

Er schlug beim Donaufest in Ulm deshalb eine „Zuverlässigkeitsprüfung“ für Betreiber vor, wie sie der Bundestag am Donnerstag nun beschlossen hat. Dies löse  laut Ziehfreund allerdings nicht die Probleme in Mini-Bordellen. Denn Prostitution laufe oft - beinahe jenseits staatlicher Kontrollmöglichkeiten - in privaten „Terminwohnungen“ ab, wie etwa im Ulmer Universum Center. Eine Zuverlässigkeitsprüfung erschwere es zumindest Mitgliedern „rockerähnlicher Gruppierungen“, mit Prostitution Geld zu verdienen.

Ulm bietet für Prostitution eine gute Lage und einen großen Einzugsbereich

Im Bereich der Ulmer Polizeidirektion sei die Banden-Dichte größer als in jedem anderen Polizeigebiet Baden-Württembergs. Die Rocker, so Ziehfreund, würden das Rotlichtmilieu zwar nicht beherrschen, doch durchaus eine Rolle spielen und vereinzelt als Betreiber auftreten. Doch ein Verbot erwiesenermaßen gewaltbereiter Gruppierungen hätte nur kurzfristig Erfolg.

Denn unter neuen Namen würden sich die Akteure bald wieder versammeln und weiter ihren fragwürdigen Geschäften nachgehen. Aufgrund der günstigen Lage zwischen Stuttgart und München mit einem Einzugsgebiet bis in die Schweiz bietet Ulm nach Einschätzung von Ziehfreund gute Bedingungen für Prostitution. Dies sei nicht zuletzt an der jüngst erfolgten Eröffnung eines Großbetriebs im Donautal zu erkennen.

Die Kommunalpolitik scheint dabei zum Zuschauen verdammt: „Einige wenige Männer verdienen sich in Ulm eine goldene Nase auf Kosten vieler Frauen“, kritisiert Iris Mann, die Ulmer Sozialbürgermeistern. „Das ist empörend.“

In der Ulmer Region sind 24 Bordelle bekannt. (Symbolbild)
Bild: Oliver Berg, dpa

Sie wolle sich nicht damit abfinden, dass sich die Gesellschaft nicht wirklich über die Zustände im Rotlichtmilieu aufregt. Um die Lage der etwa 200 Prostituierten, die sich in 24 bekannten Betrieben Freiern anbieten, zumindest etwas zu verbessern, fordern Kriminaldirektor Ziehfreund und Bürgermeisterin Mann eine Beratungsstelle sowie Sozialarbeiter vor Ort.

Dass eine gesellschaftliche Ächtung nur über ein Verbot des „Sex-Kaufs“ zu erreichen ist, findet Lea Ackermann, die Gründerin von „Solwodi“, einer Hilfsorganisation zur Betreuung von Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Einig sind sich sämtliche Diskussionsteilnehmer beim Donaufest, dass auch die Prävention in Osteuropa wichtig sei. Der frühere Ulmer Kriminalpolizist Manfred Paulus, ein Mitglied des „Ulmer Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution“, schritt jüngst voran, reiste nach Rumänien und informierte eine Woche lang in Schulen Jugendliche. Denn hinter den Versprechen guter Arbeitsplätze und einer vermeintlich blendenden Zukunft donauabwärts in Deutschland könnten Menschenhändler lauern.

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