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Ulm

15.11.2019

Suchtpotenzial sind schamlos mit Charme

Ariane Müller (links) und Julia Gámez Martin nehmen als Comedy-Duo Suchtpotenzial kein Blatt vor den Mund.
Bild: Andreas Brücken

Das Comedy-Duo predigt im Roxy Ulm Friede, Freude und Kartoffelsalat. Wenn die beiden Frauen nicht gerade von Sex singen.

Eine Warnung vorweg: Menschen die sich an Worten stören, die mit dem Themenkomplex „Fortpflanzung“ in Verbindung gebracht werden können, sollten hier aufhören, weiterzulesen. Wer sich jedoch über Tabubrüche im Minutentakt amüsieren kann, findet am Komiker-Duo Suchtpotenzial gefallen. Bei der Ulm-Premiere ihres neuen Programms „Sexuelle Belustigung“ haben Sängerin Julia Gámez Martín aus Berlin und Pianistin Ariane Müller aus der Münsterstadt vor rund 600 Zuschauern im ausverkauften Roxy wieder alle Register ihres – reichlich vulgären – Wortschatzes gezogen.

„Pimmelwitze, Brüste und ficken sind moralisch vertretbar“, erklärte Gámez Martín gleich zur Begrüßung. Auch wenn sich das Duo gerne „südlich der Gürtellinie“ aufhält, ist die Show der beiden Musik-Comedians nicht etwa dumm, niveaulos oder unappetitlich. Vielmehr verstehen es die Musikerinnen mit viel Charme schamlos zu sein und wortgewandt Anstandsgrenzen zu überschreiten. Ihren Erfolg hätten sie jedoch, wie sie versichern, nicht dem „Hochschlafen“ zu verdanken. „Damit wir nicht in falschen Verdacht kommen, haben wir nur noch Sex mit für die Karriere unbedeutenden Menschen, wie Regionalbusfahrer oder Hausmeistern.“ Eine „Ochsentour“ hätten die Beiden bisher für die Präsentation ihres aktuellen Programmes hinter sich gebracht. „Wir kennen jetzt jede Autobahnausfahrt und jedes grüne Ortsschild in diesem Land“, verrät Ariane Müller.

"Die Ulmer sind brudal robuscht", findet Ariane Müller im Roxy

Dass das Duo sich musikalisch verwirklichen kann, sei ein Beitrag, die Welt eventuell vor einem größeren Schaden zu bewahren, erklärt Gámez Martín und singt als Negativbeispiel von keinen anderen als Adolf Hitler: „Es wäre nicht zum Zweiten Weltkrieg gekommen, hätte man Hitler auf der Kunstakademie aufgenommen.“ Da bleibt so manchem Besucher das Lachen im Hals stecken. Doch Ariane Müller nutzt als Ulmerin ihr Heimvorteil und versichert: „Die Ulmer sind brudal robuscht.“

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Nicht ohne Grund hat das Duo in den vergangenen Jahren zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem einen Prix Pantheon. Sind doch Müller und Gámez Martin nicht nur hervorragende Musiker, sondern auch extravagante Humoristen, die bisweilen die Begeisterungsfähigkeit der Masse auf bizarre Weise karikieren: „Wir machen jetzt eine Atmosphäre wie bei Bruce Springsteen mit Freundschaft, Freiheit und Kartoffelsalat“, ruft Gámez Martin den Besuchern zu. Bereitwillig lassen sich die Gäste auf die verordnete Stimmung ein, singen mit und winken im Rhythmus der Musik mit, bis das Duo abrupt die Freude mit einem Streit über die richtige Zubereitung eines originalen Kartoffelsalat kippen lässt.

Sogar ein Kochrezept kann heute die Gesellschaft spalten

Ja, selbst diese scheinbar so unverfängliche Speise, die gleichermaßen von Veganern, Moslems und Fleischessern geschätzt wird, kann zum Auslöser eines Glaubenskriegs werden: „In einer Zeit, in der die Ernährung religiöse Formen annimmt, kann auch Kartoffelsalat die Massen spalten“, sagt Gámez Martin. Das erinnert unweigerlich an die Hasskommentare, die zu jedem möglichen Thema in den sozialen Netzwerken abgesondert werden. Musikalisch kommentieren Suchtpotenzial dieses Phänomen mit der Zeile: „Leute mit einem Internetanschluss glauben, dass man alles kommentieren muss.“

In „Paybackmood“ unterbreiten Suchtpotenzial den Vorschlag, einfach einmal die Rollen zu tauschen, um den Arzt zwei Stunden warten zu lassen, einen Polizisten zu fragen, ob er getrunken hätte oder im Zoo ein Lama anzuspucken. Nach fast zwei Stunden „Sexueller Belustigung“ erklären die beiden Comedians, dem Publikum fast alles mitgegeben zu haben – jedoch noch nicht ihre musikalische Botschaft: „Ficken für den Frieden“.

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