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Ulm

09.02.2015

Suppe, Braten und Familienterror

Der Bub selbst (links Johann Haas-Jobelius) hat bei der Konfirmation nichts zu melden. Tante Anna (Gabi Bartl) und die anderen Erwachsenen schon.
Bild: Dagmar Hub

Die Theaterwerkstatt spielt das Volksstück „Schweig, Bub!“ über den Wahnsinn einer Konfirmationsfeier.

Dabei ist „Schweig, Bub!“ eigentlich eine Tragödie – eine Tragödie der Kommunikation. Konfirmand Fritz scheint die Situation gewohnt zu sein: Johann Haas-Jobelius gibt den Jungen mit eingezogenem Genick und großartig frustrierter Mimik, als sitze er regelmäßig bei solchen Verwandtschaftstreffen und wisse, dass er dabei schlicht ganztägig den Mund zu halten habe, auch wenn er beim Konfirmandenfest eigentlich die Hauptperson ist. Essen soll er, und seinen Konfirmationsspruch aufsagen; ansonsten ist der Junge nur die Zier am Familientisch, wo ungeniert Konflikte ausgetragen und angegeben wird, dass der Putz fast von den Wänden fällt – die doch ein Kreuz schmückt.

Sex und Krieg, das liebe Geld und die dreckigen Witze, deutsche Weltmachtfantasien und die Verdauung – und vor allem der sonst unterdrückte Hass auf den Ehepartner kommen zum Braten mit Spätzle und Soß’ auf den Tisch. Der Schnaps lockert die Zunge je länger desto mehr, und Onkel Willi (Gebhard Stiefele) hat sowieso Lust auf die kecke Hannelore (Birgit Hochmuth), deren Mann aber eine andere hat – wohingegegen Willis Frau Anna (Gabriela Bartl) von allen Männern die Nase gestrichen voll hat und am Ende ihren volltrunkenen Willi nach Hause schleppen muss.

Fritzle erlebt schweigend den ganz großen Knall der Ehe seiner Eltern (Udo Ulrich und Uschi Straschewski) mit. Der, auf den man eigentlich wartet, der Pfarrer nämlich, kommt nicht: Er hat vermutlich den Rehbraten bei einer anderen Konfirmandenfamilie dem gespickten Rinderbraten von Fritzles Mutter vorgezogen.

Auch wenn heute, fast 40 Jahre nach der Entstehung von „Schweig, Bub!“, nur noch wenige Onkel an Familientischen sitzen, die aus der Gefangenschaft erzählen können: Fitzgerald Kusz’ Volksstück kommt heute so treffsicher daher wie zur Zeit seiner Entstehung: Familienfeste, die den ganzen Tag über dauern, sind nicht ganz einfach zu bewältigen. Die Theaterwerkstatt bringt Kusz’ Satire mit viel Spielwitz und Spielfreude auf die Bühne – und wird zur Freude des Publikums bei allen weiteren Aufführungen bis zum 18. April jedes Mal Flädlesuppe und Braten mit Spätzle bewältigen müssen.

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