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14.06.2009

Tanzrhythmen im alten Bollwerk

Ulm Der Grund für den Bau der Bundesfestung Ulm war der Krieg: Die Erfahrungen aus den Napoleonischen Kriegen veranlassten die deutschen Staaten ab 1815, ihre Westgrenzen durch die fünf Bundesfestungen Luxemburg, Mainz, Landau, Rastatt und Ulm zu sichern. Die Bundesfestung Ulm wurde zwischen 1842 und 1859 als zentraler Abwehrpunkt in Süddeutschland errichtet.

Florian L. Arnold

Die Erbauer der trutzigen Wehranlage hätten es sich wohl kaum träumen lassen, dass dereinst Franzosen und Deutsche höchst freundschaftlich gemeinsam im Inneren der "Wilhelmsburg" musizieren würden. Mit "Operettes!" feierte man einen musikalisch höchst gelungenen Auftakt zu den Feierlichkeiten des 150-jährigen Bestehens der Bundesfestung: "Der Festung ein Fest!". Ein Heimspiel natürlich für die Ulmer Philharmoniker. Als Gäste hatte man sich das "Orchestre Franck Tortiller" eingeladen - um eben jene deutsch-französische Freundschaft zu feiern, die die Mauern der Festung einst für undenkbar hielten. Das Programm des Abends hielt noch mehr Fusionen einst "undenkbarer" Ereignisse parat.

Schon der Titel führt in die Irre - wenn auch elegant, denn um die viel geliebten Operettenklassiker von Lehar, Strauss und Co. Ging es nicht. Stattdessen spielten französische und kubanische (!) Operetten der 20er und 30er Jahre die Hauptrolle. Anklänge aus "Fledermaus", "lustiger Witwe" und "Bettelstudent" vermissten aber wohl wirklich nur die hartgesottenen Operettenfans, denn was Tortiller und Philharmoniker spielten, sprengte eng gezogene Definitionsräume. Die fruchtbare Verbindung aus Klassik, Swing, Jazz und lateinamerikanischen Rhythmen zündete vom ersten Stück an. Dirigent Scott Lawton hatte nicht zuviel versprochen, als er ankündigte, man werde den Begriff Operette wohl in "völlig neuem Licht erleben". Tortillers "Orchestre" ist eine achtköpfige Combo, der meister selbst gibt am Vibraphon den Takt vor.

Und der war, von zwei göttlich schmalzigen Chansons einmal abgesehen, schnell, heiß und atemlos. Operette? Immer weiter stießen die Philharmoniker und die französischen Gäste das Crossover-Tor zu anderen Genres auf. Das wurde schon mit Moyses Simons südländisch-rassigem "Conga" hörbar, deutlicher noch in Maurice Yvains mexikanisch kolorierter Fantasie "Sous le soleil de mexique" und selbst für den unaufmerksamsten Hörer überdeutlich mit der Musical-Schmalzette "Lover come back to me", herzschmelzend von Elsa Berg interpretiert. Operette? Längst ist es auch in den hinteren Reihen des Forums klar: Der ganze Abend selbst ist Operette: Bunt, heiter, nichts für Puristen und "E-Musik"-Verteidiger. Der zweite Teil wurde vollends zum Furioso südländischer Rhythmen, ließ einen in der zusehends kühl werdenden Abendluft an kubanische Sonnenstrände und Fiestas denken. Da passte Gershwins genial swingende "Cuban Ouverture" ebenso ideal hinein wie Claude Rollands zarte Musikphantasie "Tout ca parce qu'au bois de cheville", von Tortiller mit sensiblem Vibraphonklängen dominiert. Das heißeste Stück aber hatte sich die deutsch-französische Orchesterfusion fürs Finale aufgehoben: Pierre Petits "Danse des incas" entstammt zwar - wie fast alle anderen Melodien - auch einer Operette, versetzte aber mit seinen rassigen Rhythmen, dem furios improvisierenden Eric Séva am Sopransaxophon und einem feurigen Finale sturste Gemüter in Partylaune. Schade nur: Wer sich mit dem Shuttlebus von Jungingen aus zur Wilhelmsburg begeben hatte, dem blieb keine Zeit, den Abend gemütlich ausklingen zu lassen. Unerbittlich fuhr 15 Minuten nach Konzertschluss der letzte Bus. Muss das so sein? Dann doch lieber beim nächsten mal gemütlich aus der Stadt herauflaufen - und dabei den neuen Festungs-Rundweg testen, der einen bleibenden Eindruck von der Mächtigkeit der "Ulmer Burg" liefert.

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