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21.06.2009

Teufelchen mit Schmalztolle

Ulm "Was bin ich: Engel oder Teufel?", fragte Götz Alsmann listig ins Publikum und man ist schon geneigt, dem Mann mit der riesigen Haartolle Absolution zu erteilen. Als einem der letzten echten Entertainer unserer Zeit gelingt es ihm mühelos, das Publikum von der ersten Minute an zu entzücken. Dabei ist das Erfolgsrezept von Alsmann und seiner Band keine bahnbrechend neue Idee. Den Dreisatz "Rhythmus-Text-Melodie" konnten in den 50er und 60er Jahren viele. In Zeiten ewig neuer Klon-Bands und Möchtegern-Stars wirkt aber die spielfreudige und zu jeder Minute echte Musikalität der Alsmann-Band wie ein Wundpflaster für Hitparaden-Geschädigte. Klanglich fest im Jazz-Schlager der 50er bis 60er Jahre verankert und mit kongenial witzig-frech-schmalzigen Texten versehen, startete Alsmann im "Zelt" seine Gute-Laune-Maschine. Allein schon der Anfangsapplaus machte deutlich, wo Alsmann mittlerweile verankert ist - ein Applaus, den andere erst ganz am Schluss eines Konzerts bekommen. Wie es sich für Schlager gehört, geht es meistens um die Liebe. Die Frage stellt der Titelsong "Engel oder Teufel" mit seinem tollen R'n'B-Rhythmus, ebenso "Du bist mein Hauptgewinn" und ein halbes Dutzend weiterer Songs. Frech und ungeniert wird da gedichtet über Liebesschmerz und Liebesfreuden, so herrlich unverkrampft an der dünnen Linie der Peinlichkeit entlang poetisiert wie einst in den großen Filmmusik-Schlagern Peter Alexanders.

Rührungstränchen an die Jugendzeit

Da kommt so manchem älteren Besucher vielleicht ein Rührungstränchen an die Jugendzeit. Dem (vorwiegend) jungen Publikum wird dagegen die freche, bunte Instrumentalisierung gefallen haben. Es ist tatsächlich eine "All Star Band", die Alsmann begleitet. An Vibrafon und Xylofon entfesselte Altfried Maria Sicking exquisite Rhythmusfiguren zu Alsmanns geschmeidigem Piano; Rudi Marhold und Markus Paßlick an Drums und Percussion setzten akustische Glanzlichter, wobei Paßlick mit einem kurzen Solo über Vogelkunde und Musik den Beweis antrat, dass Mozarts Vogelgesang im "Vogelfänger" Unfug ist, bestenfalls das liebestolle Gedüdel einer "Uferschwuchtel".

Unfug von höchstem Unterhaltungswert

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Alsmann selbst sorgte zwischen den Stücken für Wortakrobatik, spann im Tempo eines entgleisenden ICE Seemannsgarn der amüsantesten Sorte, etwa über seine Abenteuer im Wilden Westen, wo er beim Ponyreiten kleinen Mädchen den Steigbügel hielt. Unfug das alles, aber von höchstem Unterhaltungswert. Und zwischendurch, sehr dezent, zwei oder drei sozialkritische Anmerkungen über den Banker-Jetset, der in Monaco feiert: "Das wird der feine Mann im Leben nicht versäumen, der kleine Mann kann davon nur träumen!"

Nein, die Kurve zum politischen Barden oder gar unbequemen Fragen nimmt Alsmann nicht. Dafür ist ihm der schmusig-warme Sound seiner Schlager zu kostbar, die mit Preisen und höheren Weihen versehen sind: Längst ist Alsmann beim "Blue Note"-Label beheimatet, "dem" Label für seriöse Jazzmusiker. Ein hervorragendes Konzert in einem (wieder mal) ausverkauften Zelt, in dem Kurzentschlossene und Spätgekommene das Spektakel stehend genießen mussten. Engel oder Teufel? Alsmann ist überzeugt: "Wir alle sind zu 51 Prozent Teufel!" Er muss es wissen!

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