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Ulm

23.01.2019

Teure Teppichreinigung: Betrüger zocken Rentner ab

Er ging von einem besonderen Schnäppchen aus. Doch ein 90-jähriger Rentner aus Dornstadt fiel auf Betrüger herein und ließ einen Teppich für 7200 Euro reinigen.
Bild: Michael Kappeler/dpa

Ein 90-Jähriger glaubt an ein Schnäppchen und lässt sich über den Tisch ziehen. Es kommt zum Prozess in Ulm. Doch auf der Anklagebank sitzt der Falsche.

Bundesweit warnt die Polizei derzeit vor dreisten Betrügern, die die arglose Gutgläubigkeit älterer Menschen für gemeine Abzocke bei der Teppichreinigung missbrauchen. Mit Schmeicheleien über den angeblichen Wert des Teppichs und vermeintlichen Sonderangeboten locken die Gauner ihre Opfer in die Falle. Tatsächlich sind die Endpreise gegenüber den Ankündigungen in der Regel maßlos überzogen. Jetzt stand ein angeblicher Betrüger wegen eines besonders schweren Falls von Teppichwucher vor dem Ulmer Amtsgericht – und musste freigesprochen werden.

Es kommt selten vor, dass ein Anwalt seinen Mandanten vor Gericht gleich zu Prozessbeginn als Trottel bezeichnet. Aber das ergab in der Folge des Verfahrens Sinn und beeindruckte sowohl den Richter als auch die Staatsanwältin so sehr, dass sie gemeinsam am Ende der Beweisaufnahme schlussfolgerten, dass da der falsche Mann auf der Anklagebank saß. Unbekannte Gauner hatten ihn ohne dessen Wissen als Strohmann benutzt, um ihre verdeckten Betrügereien zu begehen. Der Name des 30-jährigen Ulmers wurde ohne dessen Wissen auf einem Flyer benutzt, auf dem für ein angebliches „Sensationsschnäppchen“ geworben wurde: „Teppichreinigung für nur 8,90 Euro pro Quadratmeter“. Ein 90-jähriger Rentner aus Dornstadt fand dieses Werbeangebot in seinem Briefkasten vor und rief sofort die auf dem Flyer angegebene Mobilfunknummer an. Es meldete sich eine Stimme und es kam in gebrochenem Deutsch zu einem kurzen Angebotsgespräch. Man vereinbarte einen Termin. Zwei überaus freundliche Männer klingelten bei dem Teppichbeisitzer. Es erfolgte keine Absprache über die Kosten, die zwei Teppiche des Rentners wurden eingerollt und mitgenommen. Wenige Tage später kamen die Männer mit den gesäuberten Teppichen wieder zurück und übergaben den Kunden eine Rechnung über 7200 Euro, also ein zigfaches des vermeintlichen Sonderangebotes, auf das der 90-Jährige vertraut hatte.

Prozess am Amtsgericht Ulm: Betrüger verlangen 7200 Euro für eine Teppichreinigung

Dem Rentner fehlten die Worte, doch er ließ sich von den angeblichen Teppichreinigern davon überzeugen, dass der hohe Preis berechtigt sei: Sie hatten die Ware bei einer ganz normalen Teppichreinigung behandeln lassen und fungierten quasi als kriminelle Annahmestelle. Es handele sich schließlich um besonders wertvolle Stücke, die speziell und aufwendig behandelt und ausgebessert werden müssten, begründeten die Männer den extrem hohen Preis. Sie forderten den Rentner nachdrücklich auf, das Geld in bar zu bezahlen und begleiteten den verunsicherten 90-Jährigen mit ausgesuchter Höflichkeit zur Bank.

Im Nachhinein schwante dem Geschädigten, dass er auf Trickbetrüger hereingefallen sein könnte. Er telefonierte mit seinem Schwiegersohn in Stuttgart – einem studierten Wirtschaftsjuristen. Der setzte alle Hebel in Bewegung, um die Angelegenheit aufzuklären. Als Zeuge erzählte er vor Gericht, wie er die mutmaßlichen Betrüger am Telefon mehrfach angerufen und unter Druck gesetzt hatte, bis sie genervt immerhin 1500 Euro zurück überwiesen und danach die Telefonverbindung kappten. Außerdem schaltete der Schwiegersohn die Steuerfahndung ein, weil die ausgestellte Quittung nicht die Voraussetzungen einer ordentlichen Rechnungsstellung erfüllte. Weiter informierte er das Gewerbeaufsichtsamt und die Ulmer Staatsanwaltschaft, wo er erfuhr dass eine Strafverfolgung in solchen Fällen erfahrungsgemäß besonders schwierig sei.

Keine Beweise: Angeklagter wird freigesprochen

In diesem Fall aber gab es für die Polizeiermittler ja auf dem Flyer den Namen des angeblichen Anbieters als Anhaltspunkt. So wurde die Kriminalpolizei schnell fündig.

Der schwergewichtige und einsilbige Mann konnte von Glück sagen, dass von Gerichtsseite ein Pflichtverteidiger bestellt worden war. Der schilderte seinen Mandanten als einen Mann, der aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten nie in der Lage sein könnte, so ein Ding zu drehen. „Es ist hier der falsche Mann angeklagt, der von den eigentlichen Tätern nur skrupellos benutzt wurde“, argumentierte der Pflichtverteidiger: „Er macht gewiss nicht den Eindruck eines smarten Trickbetrügers, wie Sie sich hier im Gericht überzeugen können.“

Das seine Personalien kriminell missbraucht wurden, sei gut möglich, sagte der Richter als Begründung des Freispruchs. Ein Nachweis für die Vorwürfe in der Anklageschrift habe in der Beweisaufnahme nicht erbracht werden können. Nach seinen persönlichen Verhältnissen gefragt, war die einzige Antwort des Angeklagten: „Bin verheiratet nach Roma-Art“.

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