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Ulm

24.11.2020

Theater um Trump – jetzt auch auf der Bühne in Ulm

Die Faszination des Tyrannen? Donald Trump bewegt die Welt und dafür muss er, wie hier, nicht einmal leibhaftig zugegen sein. Es genügt digital, per Tweet-Tirade. Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ erklärt die Faszination.
Foto: Kirsty O’connor, dpa

Plus Lebenszeichen aus dem Shutdown: Das Theater Ulm inszeniert das Anti-Trump-Stück „Auf dem Königsweg“ von Elfriede Jelinek – in einer Live-Stream-Videoinstallation. Regisseur Benjamin Junghans erklärt, was die Zuschauer erwartet.

Fake-News-Vorwürfe und Twitter-Tiraden, Wahlbetrugsgerüchte und Kabinetts-Entlassungen am laufenden Band – nie war mehr Theater um das Weiße Haus in Washington D.C.. So schien es auch nur eine Frage der Zeit, bis die Hauptfigur dieses Polit-Dramas, Donald J. Trump, auch als Figur auf der Theaterbühne verhandelt würde. Eine ergriff die Chance schon 2016, am Abend von Trumps Wahl: Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin, Dramatikerin, Bürgerschreck. Nur Minuten, nachdem der TV-Entertainer seinen Sieg verkündete, begann die Österreicherin zu schreiben. Mit der für sie typischen Manie, Schärfe und Gedankentiefe. Von Zürich bis Hamburg und Berlin war „Am Königsweg“, Jelineks Trump-Stück, seit 2017 zu sehen – jetzt spielt es das Theater Ulm. Trotz Corona.

Für die Premiere muss vor allem das Internet funktionieren

Es ist der Montag vor der Premiere und Regisseur Benjamin Junghans scheint schwer gespannt: „Wir testen heute zum ersten Mal die Technik“, sagt er. Kameras und Kabel, alle Perspektiven, die Übertragung ins Internet. Alles muss funktionieren, damit der Live-Stream für das Stück über die Bühne gehen kann. Damit es am 26. November, 19.30 Uhr, seine Premiere erleben darf – endlich.

„Wir hatten den Probenprozess im März angefangen“, erinnert sich der junge Regisseur. Dann kam Corona. Nach einer zähen Pause nahm er im Herbst die Arbeit wieder auf mit dem Ensemble, Rudi Grieser, Marie Luisa Kerkhoff und Tini Prüfert. Zwei Wochen proben und hoffen, dann schlug der zweite Kultur-Shutdown ein. Aber Junghans hatte sich da schon gegen alle Fallstricke gerüstet: „Ich hatte im Hinterkopf schon ein paar Szenarien.“ Jetzt erwartet das Publikum, zu Hause an den Computern, ein digitales Format, ein Live-Stream über vier Kanäle. „Eigentlich ist das Stück sogar mehr als ein Stream, viel eher eine Form von Video-Installation.“

Benjamin Junghans, geboren 1993 bei Leipzig, begann 2016 sein Regiestudium an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Seinen Film „Keimzelle“ präsentierte er 2019 auf dem Dresdner Filmfest, neben dem Studium schuf er Beiträge für den Hörfunk, andere Medien sind ihm nicht fremd. Trotzdem: „Auch für mich ist das alles eine Premiere“, sagt der Regisseur. Das gebrauchsübliche Theater-Erlebnis – ein Raum, eine Bühne, ein Stück – fordert Hartnäckigkeit von den Zuschauern, sagt Junghans. Vor allem bei massiven Textkalibern, so schillernd und komplex, wie sie Jelinek schafft. Der Zuschauer liefert sich diesem Erlebnis ganz aus und das kann auch strapaziös werden. Andere Optionen bietet jetzt der Stream: Das Publikum hat die Wahl, kann zwischen Kamerawinkeln und Ausschnitten entscheiden – und so spielt „Am Königsweg“ auch mit der Ungeduld, mit dem nervösen, klickbereiten Zeigefinger auf der Maus.

Die Wahl des Mediums beeinflusst die Wirkung - auch in der Kultur

Ursprünglich wollte Junghans die Zuschauer im Ulmer Podium vor die Wahl stellen, dass sie sich in einzelne Gruppen aufteilen. Diese Trennung schaffen jetzt vier wählbare Kamerapositionen – so wie der mediale Dauerhagel um Trump die Massen spaltet. „Es gibt in diesem Jelinek-Text einen markanten Satz: ‚Jeder hat seine Fakten, und jeder andere hat auch seine Fakten, aber andere.’ Und das wollen wir auch in der Aufführungssituation spiegeln.“

Für Junghans hat die Wahl des Mediums immer eine Wirkung: „Ich konsumiere Kultur im Netz ganz anders.“ Ihm hat diese Übersetzung ins Digitale gerade deshalb Spaß bereitet. Hier im Netz lässt sich das Phänomen auch am Ort des ganzen Dramas verhandeln, dort wo die elektrisierende Wechselwirkung zwischen Trump und den Medien entsteht.

Was Jelineks bietet, ist ein Text wie ein Block, reich an Anspielungen, Querverweisen, historischen Referenzen, aus dem ein Regisseur etwas schnitzen muss. Junghans nennt es ein „Ineinander der Stimmen“, eine Fläche ohne konkrete Figuren und Rollenspiele. „Eigentlich steht der Text für sich. Unsere Aufgabe war es, eine Situation zu schaffen, in der er klingen kann“, sagt er. „Den ganzen Text zu lesen, dauert sechs Stunden, aber nach 45 Minuten ist man völlig erschlagen.“

Eine Reality-Show als Kulisse

Als Jelinek den Text begann, stand Trumps Präsidentschaft am Anfang. Doch welches Haltbarkeitsdatum trägt diese Figur? Ist sie literarisch nachhaltig und relevant – oder schon, für viele, ein schwindendes Schreckgespenst? Zumindest das Entsetzen, das er im Text herausspürt, fühlt sich für Junghans heute fast komisch an. Zu rasant entwickle sich die Tragödie um Trump, allein zwischen Frühjahr und Herbst 2020 schlugen die Schlagzeilen zehn Haken. „Das Phänomen ist vielleicht schon so sehr präsent, dass eine gefährliche Form der Gewöhnung einsetzt. Die Tweets ziehen nur noch an einem vorüber“, sagt er. „Da haben wir gemerkt, dass wir in diesem Text tiefer graben müssen. Der greift in seinen vielen Schichten bis ins Urzeitalter zurück.“ Jelinek spinnt ihr Netz bis hin zu mythologischen Tyrannenfiguren, verhandelt das Ur-Prinzip von Herrschaft und Macht.

Von Beginn an hat Junghans eine Reality-Show als Kulisse geplant: „Es geht um die Frage: Wie sehr leben wir heute in der Realität, oder in der ’Reality’? Wie weit greifen Popkultur und Populismus auf Politik über?“ Jetzt aber sagt er erst einmal „Klopf auf Holz“ vor der großen Probe, und er bereitet sich vor, auf das Theater um Trump.

Alle Infos und Karten zum digitalen Theater-Event, das auch am 28. und 29. November aufgeführt wird, gibt es unter www.theater-ulm.de

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