Ulm „Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter!“, zitiert die Erinnerung im Kopf. Einen Prinzen sehen die Augen zwar nicht, einen Turm ebenso wenig, aber das innere Bild, das der Anblick weckt, rückt die Szene doch ins Märchen: drei Frauen an Fenstern hoch über einem Mann, der selbst die Hauswand hochzurennen versucht (mit artistischen Höchstleistungen: Aron Keleta), um den begehrten weiblichen Körpern nahezukommen, während lange Stoffbahnen wie ein Teil der – stilvoll vergangenen Jahrhunderten entlehnten – Kleider bis zur Ebene des Mannes reichen.
Unerreichbar bleiben die Schönen. Die Fantasie im Kopf des Zuschauers verabschiedet sich aus dem Märchen, sieht Prostituierte vergangener Jahrhunderte, die sich an den Fenstern lockend und verführerisch präsentieren; zwischendurch blitzt eine Impression von Eva mit dem Apfel auf.
Weibliche Lockungen in der Hinterhofatmosphäre
Die lasziven Frauen, der sich angesichts der Unerreichbarkeit der begehrten Lustobjekte immer obszöner gebärdende Mann passen nun in die Hinterhofatmosphäre der Nagelstraße 24, wo Susanne Maier für den zweiten Teil ihres über ein Jahr reichenden zwölfteiligen Bilder-“Zyklus“ die Außenwand eines heruntergekommenen Industriegebäudes wählte. Im bizarren Gegensatz stehen die prächtigen Kleider und die Umgebung, die visuelle und die akustische Performance mit experimentellen Klängen erzeugen an diesem Ort die Atmosphäre eines dämonischen männlichen Begehrens, das auf weibliche Lockung und spielerischen Hochmut trifft.
Spannende, eindrucksvolle Bilder in der Kälte einer Herbstnacht; dass sie einem Zuschauer so weit gingen, dass er die Polizei anrief, gehörte nicht zur Inszenierung, ergänzte sie aber ungeplant und überraschend. Am Ende: ein halb nackter Mann, den die Frauen feengleich mit Goldflimmer überstreuten – neues Bild der Fantasie, Rückkehr ins Märchen.
Fortsetzung Ensemble „Zyklus 2“ inszeniert wieder am heutigen Samstag um 21 Uhr im Hof der Werkstatt der Künstlergilde, Nagelstraße 24.