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Senden

18.09.2016

Tiefgekühlt in die Zukunft: Mediziner will sich einfrieren lassen

Klaus Sames aus Senden willl sseinen Körper einfrieren lassen.
Bild: Alexander Kaya

Der Mediziner Klaus Sames aus Senden will seinen Körper einfrieren und in 100 Jahren wieder auftauen lassen. Mit diesem grotesk wirkenden Plan ist der 77-jährige Mann nicht allein.

Professor Klaus Sames ist 77 Jahre alt, aber davon überzeugt, in einem Jahrhundert noch zu leben. Besser gesagt: wieder zu leben. Denn er will seinen Körper einfrieren und in der Zukunft wieder auftauen lassen.

Mann aus Sendern will seinen Körper einfrieren lassen

Mit diesem grotesk wirkenden Plan ist der Mann aus Senden nicht allein. Er ist einer von geschätzt 100 Verfechtern der Kryonik in Deutschland. Diese Sparte der Medizin erforscht die Kältekonservierung von Organen oder ganzen Organismen. Um die Forschung bekannter zu machen, hat er im Juli einen Verein namens Ulmer Kryonik-Projekt ins Leben gerufen. Am Wochenende findet nun eine Tagung im Ulmer Ratskeller statt, bei der sich Laien informieren können. Ulm, so Sames, etabliere sich seit einigen Jahren zu einem deutschlandweiten Zentrum der Kryonik.

Den Prozess des Einfrierens erklärt Sames so: Stirbt ein Mensch, so ist sein Körper schleunigst mit mindestens 60 Kilogramm Eiswürfeln zu kühlen. Danach sind dem Körper Medikamente einzuflößen, die etwa Blutgerinsel verhindern. Anschließend wird durch einen künstlich erzeugten Kreislauf, der um das Herz herumführt, Frostschutzmittel in die Adern gelassen. Würden die Menschen ohne diese Lösungen gefroren, würden die Zellen platzen wie eine Glasflasche Wasser im Gefrierschrank. In diesem gekühlten Zustand wird der leblose Körper – nun auf Trockeneis gebettet – per Flugzeug nach Amerika gebracht. Dort stehen in zwei speziellen Kryonik-Instituten Kühltruhen mit flüssigem Stickstoff bereit, die Computer steuern. In diesen können Körper laut Sames schließlich Jahrzehnte lang lagern – und irgendwann wieder aufgetaut werden. Dieser letzte Schritt des Auftauens stelle bisher ein ungelöstes Problem dar, gibt er zu. Die Frostschutzmittel seien im ungekühlten Zustand giftig, man müsse sie wieder aus dem Körper schaffen. „Wir lernen, immer besser einzufrieren. Beim Auftauen ist vieles noch Zukunftsmusik“, sagt Sames.

240 Personen liegen bisher eingefroren in den USA, drei davon aus Deutschland. Diese Zahlen seien aber wegen der gebotenen Anonymität nicht stichfest. Zwischen 24.000 und 190.000 Dollar mussten die Menschen für den Dornröschenschlaf auf Eis bezahlen. Oft stamme das Geld aus einer ausbezahlten Lebensversicherung.

Die Fragen, die Kryoniker beschäftigt: Wann ist ein Mensch tot? Und: Werden die Menschen bisher lebendig begraben? Sie betrachten diese Überlegungen aus medizinischer, nicht ethischer Sicht. „Als Student hat man mir in der Pathologie gesagt: Der Tod ist kein Zeitpunkt, sondern ein Prozess“, erinnert sich Sames. Entscheidend sei, wann wie viele Zellen absterben. Denn Hirnzellen könnten sich unter guten Bedingungen erholen und wieder elektrische Aktivität zeigen, selbst viele Stunden nach dem Tode. Welche juristischen Hürden die Kryonik in Deutschland zu bewältigen hat? „Es ist nicht verboten, aber auch nicht erlaubt, Menschen einzufrieren und zu lagern. Die Sache ist nicht geklärt“, sagt der emeritierte Professor. Probleme bereite den Kryonikern hierzulande jedoch die vorgeschriebene Leichenschau, die lange dauert. Auch die Papiere zu besorgen, etwa für den Bestatter und die Überführung nach Amerika, koste wichtige Zeit.

Kryonik: Mediziner aus Senden hat Kompetenzteam aufgebaut

Momentan zählt Sames’ Verein 14 Mitglieder. Außerdem gebe es ein Kompetenzteam, zu dem drei Balsamierer, ein Kardiotechniker, eine Krankenschwester sowie ein Techniker für Medizingeräte der Universität Ulm gehören. Und natürlich Sames selbst als zugelassener Anatom und Arzt. „Wir fangen klein an, haben aber großes Potenzial“, versichert er. Jedoch würden noch Spenden und Sponsoren fehlen, denn die Forschung koste viel Geld. Eine internationale Arbeitsgruppe beschäftige sich gerade mit der Verbesserung der Methoden. „Es wird große Forschung betrieben, wie sich das Altern stoppen lässt.“ Denn Menschen, die eine Altersgrenze überschritten hätten, könnten auch in der Zukunft nicht mehr lange leben. Sames stellt sich vor, dass in Zukunft Krankheiten geheilt werden könnten, die heute noch als Todesurteil gelten.

Auf dem Programm der öffentlichen und kostenlosen Tagung stehen Diskussionen und Vorträge, etwa zum Thema Patientenverfügung und Herzchirurgie. Interessant sei auch, wie sich das Kühlen des Körpers in der Notfallmedizin einsetzen ließe. „Man könnte viel Zeit gewinnen, um Patienten zu versorgen und zu retten“, sagt Sames.

Dass seine Überzeugung auf die Skepsis vieler Mitmenschen und Kollegen stößt, ist Sames bewusst. Der Medienrummel der vergangenen Jahre habe ihm viel Aufmerksamkeit, aber auch Ärger beschert. Das Auftauen sei zum Beispiel vielfach mit dem Wort „Auferstehung“ oder „Wiedergeburt“ betitelt worden. Doch die Kryonik erwecke keineswegs bereits Tote wieder zum Leben. „Die meisten Skeptiker sind zu höflich, um zu sagen: Sie sind ein Spinner. Die meisten sagen: Das ist interessant, aber ich kann es mir momentan nicht für mich vorstellen“, sagt Sames.

Den Moment seines Auftauens stellt sich Sames so vor: Er wacht auf in einem Arbeitszimmer, ein freundlicher Mensch – vielleicht sein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Neffe – begrüßt ihn. Dieser führt ihn in die Zeit ein, in der er fortan leben wird. „Ich möchte dann wieder als Kryoniker arbeiten und zum Beispiel Tiere einfrieren und transportieren, vielleicht aus anderen Sternsystemen.“ Aber natürlich – und das sagt Sames ganz offen – könne der Traum vom verlängerten Leben auch grausam platzen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

18.09.2016

In hundert Jahren werden mindestens 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wer wid sich dann die Mühe machen, irgendwelche eingefrorenen Menschen aufzutauen, zumal die meisten von ihnen wohl nichts Besonderes in ihrem Leben geleistet haben. Ob es überhaupt möglich ist, einen toten Menschen wiederzubeleben, ist unklar. Abgestorbene Gehirmzellen sind abgestorbene Gehirnzellen. Das ganze ist wohl nur eine betrügerische Geschäftsidee.

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18.09.2016

Das ganze ist wohl nur eine betrügerische Geschäftsidee.

Schon möglich, aber bei erfolgreichem Konservieren eines Menschen wären ganz neue Dimensionen in der Raumfahrt denkbar.

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18.09.2016

Durchaus möglich, wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Allerdings ist bei der Kryonik von Verstorbenen die Rede und ob man die zum Leben erwecken kann oder soll, ist doch mehr als fraglich.

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