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Ulm

21.03.2016

Tragödie einer Halsabschneiderin

Aglaja Stadelmann als Judith in Friedrich Hebbels gleichnamigen Stück.
Bild: Jochen Klenk

Andreas von Studnitz’ Inszenierung von Hebbels „Judith“ im Podium ist erstaunlich vielschichtig und subtil. Daran hat die Hauptdarstellerin entscheidenden Anteil.

Andreas von Studnitz kann auch anders: leise, subtil-vielschichtig und textbetont. Seine Inszenierung der Hebbel-Tragödie „Judith“ im Podium des Theaters Ulm verlangt vom Zuhörer, jedes Wort aufzunehmen. Dafür gibt es kaum Bewegung bei den Figuren des 1840 uraufgeführten Stückes; von Studnitz’ Inszenierung liegt in der Nähe der emotionalen Reduzierung des epischen Theaters. Dass die Tragödie über zwei Stunden hinweg alle Aufmerksamkeit des Zuschauers zu bannen imstande ist, liegt auch an der sauberen Sprache der jung und engelsgleich wirkenden Aglaja Stadelmann in der Titelrolle – und am klugen Bühnenbild von Britta Lammers.

Das Podium wird zur Guckkastenbühne, die Zuschauer sitzen der Handlung gegenüber – und sind doch mitten im Stück, denn die Stoffbahnen des Heerlager-Zelts des assyrischen Oberbefehlshabers Holofernes vor der Stadt Bethulien spannen sich bis über die Zuschauerreihen. Das schafft Dichte und Nähe, die wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre, hätte von Studnitz „Judith“ auf die Bühne des Großen Hauses gebracht – was die Inszenierung verdient hätte.

Historisch ist die Vorlage des alttestamentarischen Buches „Judit“ schwierig, das zwar zum christlichen Alten Testament, nicht aber zu den heiligen Schriften des Judentums gehört. Nebukadnezar war nicht – wie in dem Stück geschildert – König von Assyrien, sondern von Babylonien. So stark die Enthauptung des Holofernes Eingang in die abendländische Kunst fand: eine historische Gestalt ist Holofernes vermutlich nicht.

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Christian Friedrich Hebbel greift die Erzählung der frommen jüdischen Witwe Judith, die Holofernes ermordet, um ihr Volk zu befreien, anders auf, als es die biblische Erzählung tut. Bei ihm ist Judith eine schöne junge Witwe, die von ihrem Mann Manasse niemals berührt wurde. Die empfundene Wertlosigkeit ihres Daseins – die Frage, warum ihr Mann ihren Körper nicht suchte und die Kinderlosigkeit – lassen Judith nahezu ohne Gefühl sein. Sie zieht sich in ihr Innerstes zurück, beherrscht von einem Hunger nach Lebenssinn. Die Liebe Ephraims, der sie umwirbt, würde sie nur erwidern, könnte Ephraim (Florian Stern) mit einer Heldentat aufwarten: Judith will den Kopf des Holofernes, der die Stadt Bethulien belagert – was Ephraim nicht leisten kann und will.

So greift Judith im unbändigen Drang nach Anerkennung zur Selbsthilfe. Sie begibt sich mit ihrer Dienerin Mirza (Susanne Weckerle) ins Lager Holofernes’, lässt sich von ihm vergewaltigen und tötet den Schlafenden. Stark ist Aglaja Stadelmann in den Monologen der in sich eingeschlossenen Judith, und stark ist Wilhelm Schlotterer als der des Lebens überdrüssige Holofernes. Schlotterer gibt dem Oberbefehlshaber die Aura eines Übersättigten, dem niemand je das Wasser reichen konnte. Wer schlägt den Holofernes? Niemand. Keiner würde es wagen, am Nimbus dessen zu kratzen, der sich zum Maß der Menschheit gemacht hat – und dem aus Daseinsüberdruss Todessehnsucht wird. Holofernes stirbt von Frauenhand, weil er Judith die Möglichkeit dazu gibt. Und Judith macht sich selbst zu einem Werkzeug Gottes. Doch was, wenn Gott Judith nicht als Werkzeug wollte? Dann ist ihre Tat nicht Befreiung, sondern schlicht ein Mord.

Termine: Wieder am 26. März sowie am 6., 14., 21. und 29. April im Podium. Karten an der Theaterkasse.

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