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Ulmer Zelt

23.05.2015

Trommelfeuer ohne Pardon

Es klöppelt, kracht und rattert im Ulmer Zelt. Das muss so sein, wenn das Percussion-Ensemble „Les Tambours du Bronx“ zu Gast ist.
Bild: Andreas Brücken

Die Percussion-Truppe „Les Tambours du Bronx“ startet in der Friedrichsau ihre Europatournee. Dabei holen die Franzosen alles aus ihren Ölfässern heraus

Satt brummt ein Motor auf. Aus der Dunkelheit brechen Schlagzeuggeräusche hervor. Wumm, jetzt startet die Drum-Maschine durch. 15 Männer mit nackten Oberkörpern wuchten mit vollem Körpereinsatz ihre Stöcke auf die Deckel rostiger Ölfasser. Der Sound ist ohrenbetäubend. Im Halbkreis bearbeiten die Perkussions-Performer ihre Blechtonnen wie in einem Ritual. Das Ulmer Zelt ist die Werkstatt der „Tambours du Bronx“. Die Kult-Truppe sorgte zu Beginn der 29. Spielzeit erneut für ein irrwitziges Spektakel.

Mit ihrer Performance an der Donau starteten die Punk-Pauker aus Frankreich ihre Europatournee. „Ein guter Platz, nach Deutschland zurückzukehren“, sagt Sänger Cécé, der ab und an für die Ansagen aus der Trommel-Equipe heraustritt. Textlich verpuffen seine infernalischen Urschreie ansonsten im Fegefeuer der Schlagstöcke. Hier geht’s auch nicht ums Geschichtenerzählen, sondern um die Pulsschläge der ältesten und ursprünglichsten Form der Musik. Trommeln baut Agressionen ab und steigert das Selbstwertgefühl – seit Jahrtausenden. „Les Tambours du Bronx“ spezialisierten sich 1987 auf die 225-Liter-Ölfässer. Die Schlägel sind aus Buchenholz. Die Bühne ist bald von Splittern und abgebrochenen Klöppeln übersät. Woher kommt diese geballte Wucht?

Varennes-Vauzelles, Stammsitz der Trommelbrigade, entwickelte sich 1912 mit dem Aufbau einer Lokomotivenwerkstatt vom Agrarweiler zur Industrie-Gemeinde. Aus dem Stahlarbeiter-Viertel „Le Bronx“ stammten auch die ersten Ölfässer der Gruppe. In der Friedrichsau entfacht diese einen Tornado aus Industrial Rock, Metal, Techno, Drum’n’Bass, Hip-Hop und Afrobeat – ein Trommelfeuer des Jüngsten Gerichts. „Dies Irae“, Tag des Zorns, ist auch eine der „Lectures“ auf dem aktuellen Album tituliert.

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Im proppenvollen Zelt rollen die Kaventsmänner meist im martialischen Vierteltakt an. Beim Wechsel zum schnellen Sechsachtel bearbeitet ein Duo auch die Metallrohre zweier schräg platzierter Percussionsleitern. Das steigert den metrischen Fluss im Hochspannungs-Gefüge, wo sich schon mal die Grüppchen die Synkopen um die Ohren hauen. Bald werden die Zwischenpausen länger. Die Oberkörper sind schweißüberströmt, die schwarzen T-Shirts durchgeschwitzt: Im Gruppenbild mittelalterlicher Hufschmiede, hoch konzentrierter Buchhalter und tätowierter Haudegen wird kräfteraubend über Kopf ausgeholt fürs Ratterwerk einer „Schizomania“. Wer an vorderster Front steht, ist mit Ohrenstöpseln gut beraten, wenn er unbeschadet über die orgiastischen Runden kommen will. Wo trainieren die bloß?

Interessant wird’s durch die Zutaten synthetischer Klänge und Samples. Etwa, wenn die Elektronik arabische Melodien einspielt und sich die Bühne vom Schlachthof in eine Karawanserei verwandelt. Da entspannen sich auch die Gesichter der Akteure. Cécé zuckt so etwas wie ein Lächeln übers Gesicht. „Danke Ulm, seid ihr okay?“ Klar doch.

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