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Ulm

06.12.2016

Türkisches Theater wird bedroht

Das türkische Theater „Ulüm“ (hier eine Archivaufnahme) spielt nach Drohungen und Hasskommentaren jetzt unter Polizeischutz.
Bild: Dagmar Hub (Archivfoto)

Beim Theater „Ulüm“ geht die Angst um: Der Intendant gerät zwischen die Fronten der zahlreichen Konflikte rund um Erdogan, Gülen und die Kurden.

Hinter Atilla Cansevers Lächeln verbirgt sich große Sorge. „Jeder hat Angst“, sagt der Intendant von Theater Ulüm, dem einzigen professionellen türkischen Theater Süddeutschlands, über sich und sein Ensemble. Die Integrationsstücke des Theaters, die seit 18 Jahren humorvoll und satirisch Schwächen der deutschen und der türkischen Mitbürger auf die Schippe nehmen und auf Toleranz und ein gelingendes Miteinander hinarbeiten, lösen derzeit in den sozialen Netzwerken unter Türkischstämmigen eine Welle von Drohungen und Hasskommentaren aus. Das Theater spielt jetzt unter Polizeischutz.

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Bei einem Gastspiel in Geislingen war es am 6. November zu einem Tumult gekommen, als die Vorsitzende des einladenden Vereins erwähnte, dass der Journalist und Autor Aydin Engin, der alle Stücke für das Theater Ulüm schreibt, in der Türkei inhaftiert worden war, und dass es um die Pressefreiheit in der Türkei nicht gut bestellt sei. Während die Schauspieler hinter der Bühne waren, gab es Diskussionen. Leute verließen den Saal und verlangten ihr Eintrittsgeld zurück. Da die Szene von einem Video-Filmer aufgezeichnet und ins Internet gestellt wurde, geht Atilla Cansever inzwischen davon aus, dass der Tumult möglicherweise inszeniert wurde. Wenig später wurde ein Auftritt des Theaters Ulüm in Köln beim AKP-nahen Verein UETD abgesagt. Die AKP ist die Partei des umstrittenen Präsidenten Erdogan.

„Die zerstückeln uns wie Rindfleisch“, sagt Atilla Cansever über die – teils in türkischer, teils in deutscher Sprache geschriebenen – Hasskommentare im Internet, die ihn und sein Ensemble mit Ausdrücken wie „Ehrenlose“, „verdammte Höllenhunde“ und „Vaterlandsverräter“ beschimpfen und ihm offen mit Gewalt drohen.

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Cansever wird derzeit in die unterschiedlichsten Ecken gerückt – wahlweise als angeblicher Anhänger der PKK, der „Kommunisten“ oder des in den USA lebenden erzkonservativen islamischen Predigers Fethullah Gülen, der als Drahtzieher des Putsches in der Türkei verdächtigt wird. Atatürk-Anhänger gingen mit Terroristen Hand in Hand, übersetzt Atilla Cansever aus den Posts, und Deutschland sei „ein Hund, der vor uns knien muss“. „Und wenn wir 1000 Jahre daran arbeiten, die Republik wird abgeschafft“, droht ein anderer User mit der Zerstörung der laizistischen Türkei.

Atilla Cansever wehrt sich entschieden gegen die Behauptungen. „Das Theater muss in der Opposition bleiben und auf der Bühne Freiraum haben, um über kritische Dinge etwas sagen zu können“, erklärt er. „Es muss frei sein.“

Der in der Türkei Geborene ist Deutscher ohne doppelte Staatsangehörigkeit. Er engagiere sich bewusst in keiner Richtung, sagt er. „Sonst wäre ich nicht mehr unabhängig.“ Was ihn fassungslos macht: „Vor fünf Jahren hat uns die Polizei geschützt, weil das Theater Ulüm als Zielscheibe auf einer Liste der NSU stand. Und jetzt muss uns die Polizei vor manchen türkischen Gruppen schützen, zumindest vor einigen Mitgliedern der Erdogan-nahen UETD (Union Deutsch-Türkischer Demokraten, Anmerkung der Redaktion).“ Wenn man auf der Bühne stehe, fühle man als Schauspieler den Impuls der Zuschauer, erklärt Cansever. Beim Thema Frauenrechte beispielsweise spüre er derzeit die Ablehnung von manchen Zuschauern. Er nehme einen Islamisierungsprozess wahr. Als Doppelmoral empfindet es Cansever, dass Abwehr zu spüren sei, wenn in Stücken wie „Oh Gott, die Türken integrieren sich“ eine Szene türkische Politik kritisiere. „Wenn wir deutsche Politik kritisieren, dann passiert das nicht.“

An ein Aufgeben aber denkt Cansever nicht. In Deutschland als einem Rechtsstaat müssen „auch die, die uns beschimpfen, beleidigen und bedrohen, auf die Gesetze achten“. Sonst könne man in einer Gesellschaft nicht friedlich zusammenleben, ein Theaterstück anschauen und zusammen lachen, sagt der Theatermacher. „Wir wollen unser Publikum weiter zum Lachen bringen. Wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Selbst wenn das Theater Ulüm unter Polizeischutz spielen muss.

Aufführung In Ulm spielt das Theater Ulüm wieder am 16. Dezember um 20 Uhr, und zwar in der Schillerstraße 1. Auf dem Spielplan steht „Oh Gott, die Türken integrieren sich“.

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