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Liedermacher

18.10.2014

Über den Wolken, unter den Menschen

Geschichtenerzähler an der Gitarre: Fast drei Stunden Musik schenkte Reinhard Mey seinen Fans in Ulm.
Bild: Andreas Brücken

Reinhard Mey singt im seit Monaten ausverkauften CCU von Liebe, Leben und Abschied – und hat zwischen viel Emotion auch Platz für ein bisschen Selbstironie

Er ist ein Phänomen. Kurz nach Beginn des Vorverkaufs war das Konzert von Reinhard Mey im Congress Centrum ausverkauft. Ohne Werbung, ohne Plakate. Als er dann nach dreijähriger Pause auf die Bühne des CCU tritt, schmal, in schwarzer Kleidung, mit grauem Haar, wird es still im Saal. Der 71-Jährige erzählt in seinen Liedern zur CD „Dann mach’s gut“ intensiv und in der Intimität ungeschönter Worte. Pure Emotion ist der fast dreistündige Konzertabend, obwohl es nie einen Moment gefühliger Peinlichkeit gibt. Denn da singt einer offen davon, dass ihm die Sorglosigkeit abhanden kam durch den bitteren Kelch des Abschieds vom eigenen Kind – und dennoch bleibt viel Raum für eine leise Heiterkeit und für Zukunftshoffnung.

Vielleicht ist es der beste Reinhard Mey, den es je zu hören gab. Lebensweisheit ohne Zeigefinger, kluge Texte, die fast zärtlich von der Liebe zum Leben und zu Menschen erzählen, der herbe Schmerz über den Tod des eigenen Sohnes in diesem Jahr, verarbeitet in Musik ebenso wie das Glück, wieder an einer Wiege zu stehen – an der des ersten Enkelkindes. Da ist einer, der das Leben nicht anders bewältigen kann als in handgemachter Musik. Einer, der – wie „Spielmann“ erzählt – als Kind oft hören musste, dass es mit seinem Eigensinn und Widerspruch noch böse enden werde, einer, der ein Spielmann bleiben will bis zum letzten Atemzug.

Meys politisch kritische und pazifistische Einstellung drückte sich 1997 in dem Lied „Das Narrenschiff“ aus, das Mey damals als „Statusbericht“ über Deutschland bezeichnete. 2014, sagt er im CCU, habe er den Eindruck, dass die gesamte Weltgeschichte von der Brücke des Narrenschiffs aus gesteuert wird. Er würde das Lied genauso wieder schreiben wie vor 17 Jahren, sagt er. Und dennoch kommen im Kielwasser des Narrenschiffs Kinder zur Welt, Kinder, mit denen alles neu beginnt. Dem eigenen Enkel gewidmet ist „Fahr’ dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen“. Aber Mey wäre nicht er selbst, würde er aus dem liebevollen Lied nicht einen selbstironischen Bericht ableiten darüber, was einem begeisterten Großvater auf Deutschlands Straßen widerfährt, wenn er sein Auto mit „Opi 2012“ beschriftet. Er ersetzt die Worte zur eigenen Sicherheit durch „Rammstein“.

Von der Liebe und dem Tod singt Mey, von Herbstgewittern und vom Wein, der den Abschied leichter macht. Motive früherer Lieder tauchen auf, mit mehr Tiefgang und philosophischer besungen. Dazwischen stellt er Miniaturen wie „Das Taschentuch“, das die Queen in ihrem Täschchen ebenso parat hält wie der Gangster-Rapper in seiner Mütze, das bei Liebeskummer tröstet, aber auch, wenn Angela Merkel abends nicht mehr um Fassung ringen muss – und das bei Schnupfen ebenso hilfreich ist wie beim Tränen lachen. Drei Zugaben erklatscht sich das Publikum – bis zum „Gute Nacht, Freunde“.

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