1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Über diese Schicksale sollen Fußgänger stolpern

NS-Opfer

12.09.2015

Über diese Schicksale sollen Fußgänger stolpern

Copy%20of%20D01_FS%2c_IX.05.02._204%2c_G%c3%a4rtnerei_Vietzen_Belegschaft%2c_Hr._Neuburger_hinten_mit_Hut%2c_1942(1).tif
3 Bilder
Nachdem er nicht mehr als Rechtsanwalt arbeiten konnte, heuerte Alfred Neuburger bei der Gärtnerei Vietzen in Neu-Ulm an. Das Foto zeigt ihn (hinten mit Hut) mit Kollegen um das Jahr 1942.
Bild: Gärtnerei Vietzen

Am Montag werden in Neu-Ulm die ersten Gedenksteine des Künstlers Gunter Demnig verlegt. Schüler präsentierten die Biografien der Ermordeten

Es sind zehn bedrückende Schicksale, die in Neu-Ulm ab dem kommenden Montag Spaziergänger ins Stolpern bringen sollen. „Zumindest gedanklich“, betont zweiter Bürgermeister Albert Obert vor der Verlegung der ersten Neu-Ulmer „Stolpersteine“. Die mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Pflastersteine sollen an zehn jüdischen Menschen erinnern, die einst in Neu-Ulm lebten – und im Nationalsozialismus ermordet wurden.

Ist die Inschrift auf den Steinen noch sehr kurz und sachlich gehalten, werden bei der Verlegung ab 10 Uhr in der Innenstadt (siehe Infokasten) unter anderem Schüler zweier Neu-Ulmer Realschulen die Schicksale hinter den Namen genauer beleuchten. In Zusammenarbeit mit Kevin Geilen vom Stadtarchiv recherchierten sie insgesamt sieben der zehn Biografien, drei weitere steuerte der Neu-Ulmer Hans-Peter Hartmann bei:

Rund 50 Jahre lang bewohnte Siegmund Liebermann ein Zimmer im Neu-Ulmer Bahnhofshotel und pendelte regelmäßig zwischen seiner Arbeit in der Hopfenhandlung und seiner Familie in München. Im Alter von 82 Jahren gelang es ihm schließlich mithilfe eines Bittbriefes an das Neu-Ulmer Bürgermeisteramt, seine Deportation in ein Konzentrationslager zu verhindern – allerdings nur vorübergehend. Drei Jahre später holten ihn die Nationalsozialisten ab und brachten ihn in ein Lager nach Theresienstadt (heutiges Tschechien). Dort starb Liebermann im August 1942 an Hungertyphus.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Wer in Neu-Ulm auf der Suche nach einer guten Zigarre war, war in den 1920er Jahren bei Jakob Karnowski genau richtig. Dieser betrieb mehrere Jahre lang auf der Donauinsel einen Zigarrengeschäft – im Jahr 1938 wurde er gemeinsam mit seiner Ehefrau Regina Karnowski nach Polen abgeschoben, wo sie schließlich in einem Ghetto in Lodz unter katastrophalen Bedingungen lebten. Beengte Wohnverhältnisse ohne sanitäre Anlagen, Hunger und Seuchengefahr waren der Alltag. Das Ehepaar starb schließlich Anfang des Jahres 1942 in einem Krankenhaus in Lodz.

Einst war Alfred Neuburger in Neu-Ulm ein selbstständiger Rechtsanwalt, dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht: Neuburger musste seine Tätigkeit als Anwalt aufgeben, überlebte einen Aufenthalt im Konzentrationslager in Dachau, heuerte nach seiner Entlassung bei einer Neu-Ulmer Gärtnerei an und war fortan in einem „Judenhaus“ untergebracht. Im Oktober 1944 wurde Neuburger in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Das „Judenhaus“, in dem Alfred Neuburger lebte, war ursprünglich das Haus der Neu-Ulmer Familie Bissinger, der am Montag gleich sechs Stolpersteine gewidmet sind. Im Erdgeschoss des Hauses in der Augsburger Straße 34 war lange Zeit ein Eisenwarenladen, bis die Nazis das Gebäude umfunktionierten und mehrere Juden dort zwangseinwiesen. Was mit Heinrich Leopold, Berta, Betty, Sofie, Max und Daniel Bissinger genau geschah, ist unklar. Bekannt ist lediglich, dass sie 1942 nach Piaski deportiert und 1960 vom bayerischen Landesentschädigungsamt für tot erklärt wurden.

Die nächsten Steine sind bereits in Planung

„Wir waren wirklich erstaunt, was man mit viel Fleißarbeit und kreativer Suche auch 70 Jahre nach dem Kriegsende noch über die Menschen in Erfahrung bringen kann“, erklärt Mareike Kuch. Sie ist diejenige, die das Projekt innerhalb des Neu-Ulmer Rathauses federführend begleitet.

Die Biografien von drei weiteren ermordeten Juden seien bereits in Arbeit und die nächste Verlegung von Stolpersteinen im kommenden Jahr schon terminiert, sagt Kuch. Dann will sich die Stadt gemeinsam mit der Lebenshilfe und freiwilligen Helfern verstärkt auch dem Thema „Euthanasie“, also der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderung, widmen.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Gelbe%20S%c3%a4cke%20Schild.tif
Senden

Senden will den gelben Sack behalten

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden