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Neue Musik

11.04.2018

Überbordende Bilder des Bewusstseins

Faszinierende Künstlerin: Eine hervorragende Leistung zeigte Anna Clementi bei der Aufführung von „The Mark on the Wall“.
Bild: Florian L. Arnold

Stepha Schweigers „The Mark on the Wall“ vereint faszinierende Klänge und eine seltsame Inszenierung

Eine Musik zwischen Aufbruch und Retro-Effekt, zwischen lichter Experimentierfreude und klassischem Zuschnitt: Stepha Schweigers eher minimalistisch gehaltenes Musiktheater nach einem Text von Virginia Woolf „The Mark on the Wall“ bildete den Auftakt zum diesjährigen Festival Neue Musik im Stadthaus, zu dem sich – leider – nur ein überschaubares Publikum einfand. Zu wenig Lust auf Abenteuer nach all den Jahren, in denen Jürgen Grözingers mit viel Kenntnis und Herzblut organisiertes Festival einen etablierte? Oder doch die alte und unzutreffende Angst vor einer angeblich ungenießbaren Musik?

Es wäre den Akteuren, allen voran Grözingers wieder einmal fabelhaft agierendem, feinsten Klangspuren nachspürendem European Music Project ein volles Haus zu wünschen gewesen. Stepha Schweigers zwischen narrativer Geschmeidigkeit und kühl-kristalliner Unnahbarkeit einzuordnende Musik (Leitung: Chatschatur Kanajan) fand eine denkbar engagierte Umsetzung, allen voran in der fabelhaften Anna Clementi, die den wahrlich nicht einfachen Sanges- und Erzählpart exquisit umsetzte und in Leo Chadburn einen passend zurückhaltenden Gegenpart in den Sprechparts fand.

Die Geschichte eines „Zeichens“ an der Wand (vollkommen grotesk in den Untertitel als „Das Mark an der Wand“ übersetzt) ist typisch Woolfe: Im Schreibstil eines Bewusstseinsstroms entfaltet sich ein innerer Monolog, ungefiltert werden Gefühle, Eindrücke, Wahrnehmungen, Reflexionen, Assoziationen ins Bewusstsein hereingelassen. Aus einem zunächst fast übersehenden Fleck an der Wand wird eine wahre Explosion an Assoziationen, ein Reigen von Allegorien und surreal überbordenden Bildern entsteht. Diese Bilder finden in der Musik ein würdiges, oftmals sehr einnehmendes Echo. Schweiger steigert den Spannungsbogen von sinnlich-zarten Klangclustern zu einer fast schon an die Free-Jazz-Experimente der 70er erinnernde Melodiehaftigkeit, die mit unwiderstehlichem Groove lockt. Überhaupt bewegte sich die Musik eng am Text und dessen Rhythmik entlang, verließ dessen Stimmung und Duktus aber auch dort, wo es nach einem Höhepunkt verlangte.

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Aber nicht alles befriedigte so sehr wie die Musik und deren Interpreten. Etwa die Entscheidung, nicht vollständig, sondern nur an ausgewählten Stellen zu übertiteln. Und die szenische Realisierung (Inszenierung und Bühne: Sebastian Bauer) geriet an Grenzen – nicht jedem erschloss sich der Tanz mit skurrilen Requisiten, etwa einem Telefon oder einer Kinderpuppe. Der Tanzpart – speziell für Tänzer Ziv Frenkel eingerichtet – geriet gegen Ende zu surreal, und der wunderliche Aktionismus wollte nicht recht zur Dramaturgie der Musik passen. Das aber mag auch dem fehlenden Platz auf der kleinen Stadthausbühne geschuldet gewesen sein.

Dennoch: ein beeindruckender Auftakt und der Beweis, dass es dieses Festival in Ulm braucht – auch wenn es dank „Haushaltskonsolidierung“ nur noch alle zwei Jahre stattfinden kann. Und immerhin: Für das Dunkelkonzert heute, Mittwoch, im Stadthaus gibt es nur noch wenige Restkarten.

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