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Ulm

23.01.2019

Ulmer Blutrache-Prozess: Onkel des Opfers packt per Video aus

Polizisten bei der Spurensuche in der Umgebung des Erbacher Anglersees, in dem die Leiche eines 19-jährigen Albaners entdeckt worden war.
Bild: Polizei Ulm/dpa

Plus Aus Albanien ist der Mann in den Ulmer Gerichtssaal geschaltet, der die Blutrache-Fehde und den Mord in Erbach auslöste. Er verrät grausame Details.

Monatelang hat sich das Ulmer Schwurgericht um eine Liveschaltung mit einem albanischen Gericht für eine wichtige Zeugenvernehmung bemüht. Doch die Versuche scheiterten immer wieder an bürokratischen und technischen Hürden. Am Mittwoch gelang es endlich, einen albanischen Mörder in einem Gerichtssaal in Tirana per Video einen Tag lang zu vernehmen, um die furchtbaren Hintergründe einer Blutrache aufzuklären, die einen 19-jährigen Albaner im April 2017 an einem Erbacher Anglersee das Leben kostete.

Lesen Sie auch: Prozess um Blutrache: Wenn der „Don“ über Tod und Leben bestimmt

Seit 16. April 2018 muss sich ein 46-jähriger Deutscher mit albanischen Wurzeln wegen Mordes vor Gericht verantworten. Am Mittwoch brachte der in Albanien zu 25 Jahren Haft verurteilte Zeuge ein wenig Licht in das Dunkel dieser Tat – und ließ Beobachter erschauern, wie grausam und unerbittlich das uralte Gewohnheitsgesetz Kanun noch heute an völlig unschuldigen Menschen vollstreckt wird.

Gewohnheitsrecht Kanun: Blutrache in Albanien

Eine Dolmetscherin übersetzte in Ulm die Fragen des Schwurgerichts an den Zeugen, dessen Antworten wurden im Gerichtssaal in Tirana übersetzt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang die Vernehmung des Mannes, der die Blutrache im November 2000 ausgelöst hatte, ganz gut. Der Zeuge hatte im nordalbanischen Elbasan auf offener Straße den Angehörigen einer verfeindeten Familie erschossen. In der Folge übte diese Familie über Jahre gnadenlos Vergeltung für den Mord, der den Zeugen für 25 Jahre ins Gefängnis brachte. Der Mörder von Elbasan verlor durch regelrechte Hinrichtungen seinen Vater und seinen Bruder, wie er erzählte.

Der albanische Häftling ist Onkel des in Erbach ermordeten 19-Jährigen und gleichzeitig Schwager des 46-Jährigen, der einer der beiden Täter sein soll, die den jungen Mann mit einem Hammer erschlagen und im Anglersee versenkt haben sollen. Im Mai 2017 tauchte die Leiche auf, eine Sonderkommission ermittelte den Angeklagten. Nach dem mutmaßlichen Drahtzieher „Don“ wird weiter international gefahndet. Das Gericht muss auch den Verdacht prüfen, ob der 46-jährige Angeklagte vom „Don“ und seinen Hintermännern gezwungen wurde, sich an dem Mord zu beteiligen.

Albanischer Häftling per Video zu Prozess in Ulm geschaltet

Am Mittwoch sagte der Zeuge per Video aus, sein Schwager – also der 46-Jährige – habe aus Freundschaft und Rache bei der blutigen Tat mit Hand an gelegt. Der Angeklagte hatte sich in Göppingen mit einer Autowaschanlage eine bürgerliche Existenz aufgebaut. Gleichwohl pflegte er nach Aussage des Zeugen rege Kontakte in seine Heimat und hatte im Familienbund das absolute Sagen. So habe er seine Schwester in Tirana dazu gezwungen, sich von ihrem Ehemann, dem Mörder von Elbasan, scheiden zu lassen. Dieser heiratete im Gefängnis erneut und wurde Vater eines Sohnes. Aus Angst, dass auch dieser Opfer der Generationen überschreitenden Blutrache wird, trägt der Sprössling einen anderen Namen.

Ausführlich schilderte der albanische Häftling sein enges Verhältnis zu seinem in Erbach erschlagenen Neffen, mit dem er aus dem Gefängnis heraus regen Kontakt pflegte. Beide wussten, dass die Blutrache nach den Gesetzen des Kanuns gnadenlos vollzogen wird, wenn ein Jugendlicher 18 Jahre geworden ist. Deswegen floh der Gefährdete mit Mutter und jüngerem Bruder, die heute unter Zeugenschutz stehen, nach Deutschland. Doch dort wurde er zur leichten Beute der Blutrache-Häscher. Telefonisch will der Onkel immer wieder auf ihn eingeredet haben: „Lösch deine Eintragungen auf Facebook!“ Denn die bedeuten ebenso eine sichere Spur wie die vielfältigen Kontakte des jungen Albaners in die Drogenszene, was die Mutter zur Verzweiflung brachte.

Mord am Erbacher Anglersee

Der „Don“ , ein möglicher Auftragskiller der tödlich verfeindeten Familie, nahm schnell die Fährte auf, wie der Zeuge erzählte, und versprach dem jungen Mann lukrative Drogengeschäfte. So schlich sich der bis heute unauffindbare Albaner in das Vertrauen des jungen Mannes und lockte ihn nach Erbach, um einen Deal einzufädeln. Dort schnappte die tödliche Falle zu. Am Mittwoch verfolgte der mutmaßliche Mittäter aufmerksam und ruhig die stundenlange Videovernehmung, in der auch die Rede von Drohungen, Schlägen und Geiselnahme in diesem Drama war, in dem sich zwei Familien unerbittlich gegenüberstehen und weitere Blutrachetaten nicht ausgeschlossen werden können – bis jedes männliche Familienmitglied über 18 Jahre, egal wo, nach dem uralten albanischen Gewohnheitsrecht ausgelöscht ist.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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