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Ulm

01.12.2017

Ulmer Juden feiern neue Heilige Schrift

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Hinter diesem Vorhang in der Neuen Synagoge am Ulmer Weinhof wird die neue Tora-Rolle ihren Platz im Tora-Schrein finden.

Am Sonntag wird die dritte Tora-Rolle für die Synagoge vollendet. Rabbiner Shneur Trebnik sieht darin nicht nur eine besondere religiöse Bedeutung.

Die jüdische Gemeinde in Ulm beginnt am Sonntag ein neues Kapitel ihrer Geschichte. Dann feiern die Juden der Stadt, dass eine neue Tora-Rolle in ihre Synagoge eingebracht wird. Ein Festzug wird die Heilige Schrift unter Gesang und mit Tänzen vom Rathaus bis zur Neuen Synagoge im Weinhof bringen. „Das zeigt die Entwicklung des jüdischen Lebens in Ulm“, sagt Rabbiner Shneur Trebnik. Der 41-Jährige Vater von sieben Kindern ist in Israel geboren und bekennt sich zur orthodoxen Gruppierung Chabad Lubawitsch. Er hat die Entwicklung in Ulm begleitet. Seit 2000 ist Trebnik Ortsrabbiner, damals betreute er 89 Gläubige. Inzwischen ist die Gemeinde auf rund 500 Mitglieder gewachsen, die meisten von ihnen zogen aus Osteuropa zu. Für die Ulmer Juden ist die neue Tora-Rolle ein weiterer Schritt.

Gefeiert wird dieser Schritt mit besonderen Gesten. Schon am Donnerstag trifft der Sofer Dov Ginzburg in Deutschland ein. Sofer ist ein jüdischer Beruf, ein kunstfertiger Schreiber hebräischer Texte. Ginzburg, der in einer Kleinstadt in der Nähe von Nazareth lebt, hat im Auftrag der Ulmer Juden die Tora mit einem Federkiel auf Pergament geschrieben. Weil die Heilige Schrift nicht transportiert werden soll, beendet er sein Werk mit den letzten Buchstaben der Tora bei der Feier am Sonntag in Ulm. Vorher, am Freitag, macht Ginzburg in Stuttgart Station. Er wird im Landtag einige Buchstaben der Tora schreiben. „Ich glaube, in der Geschichte Deutschlands gab es das noch nie“, sagt Rabbiner Trebnik. Die Idee zu dieser Geste, die als Ehrerbietung gegenüber den Bürgern des Landes gedacht ist, stammt von ihm. Trebnik will, dass jüdische Kultur nicht nur mit dem Holocaust in Zusammenhang gebracht wird. „Wir sind heute ganz normale Bürger in Deutschland. Dafür wollen wir ein Zeichen setzen“, sagt er.

Eine neue Tora-Rolle erhalten Gemeinden normalerweise nur etwa alle 50 Jahre

Beendet wird die Arbeit an der Rolle nicht in der Synagoge, sondern im Rathaus. Dort werden unter anderem Oberbürgermeister Gunter Czisch, Staatssekretär Martin Jäger und Landesrabbiner Natanael Wurmser Grußworte sprechen. Dass die Wahl auf diesen Ort fiel, soll ein weiteres Zeichen dafür sein, dass die Einbringung der Tora-Rolle nicht nur ein religiöses Ereignis ist, sondern der Nachweis, dass das jüdische Leben Teil des gesellschaftlichen Lebens ist. Der Festzug, der die Tora-Rolle zum Weinhof bringt, führt von der Brauttreppe aus über Neue Straße, Marktplatz und Mohrengasse. Im Weinhof wurde die Synagoge vor fünf Jahren eingeweiht – nur ein paar Meter entfernt vom früheren Standort der Alten Synagoge, die in den Novemberpogromen 1938 von den Nationalsozialisten zerstört worden war.

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Dass eine neue Tora-Rolle eingebracht wird, hat auch praktische Gründe. Die Tora umfasst die fünf Bücher Mose auf einer Pergamentrolle. Bei normalen Gottesdiensten wird eine Passage vorgelesen. Bei besonderen Anlässen hören die Gläubigen mehrere Abschnitte, die an unterschiedlichen Stellen stehen. Gibt es nur eine Tora-Rolle, warten die Besucher des Gottesdienstes minutenlang, bis der Rabbiner den richtigen Abschnitt vor sich liegen hat. „Es ist fast üblich, dass man mehrere Tora-Rollen hat, damit man im Gottesdienst nicht rollen muss“, erklärt Trebnik. Bisher hatte die Gemeinde zwei der Heiligen Schriften. Nun kommt eine dritte dazu. Eine, die eleganter ist als die bisherigen. Die jüdische Gemeinde hat sich für einen erfahrenen Schreiber mit einer besonders schönen Handschrift entschieden, das wirkt sich auf den Preis aus. Zudem sind die beiden Stangen, an denen die Tora-Rolle befestigt ist, aus Silber.

Rabbiner Shneur Trebnik hofft auf viele jüdische und nicht-jüdische Besucher bei der Feier

Als die jüdische Gemeinde im November 2003 zum erstem Mal Spenden für eine Tora-Rolle sammelte, sollte es schnell gehen. Schließlich ging es um die Möglichkeit, überhaupt Gottesdienste feiern zu können. Jetzt befindet sich die Gemeinde in einer anderen Lage. Darum setzte Rabbiner Trebnik ein höheres Spendenziel: 50000 Euro. Diese Summe trug die Gemeinde in rund zwei Jahren zusammen. Manche Spender gaben bei einer Synagogenführung ein paar Euro. Andere steuerten große Beträge bei. Das Geld kam schneller zusammen, als manche fürchteten. „Es zeigt uns, dass wir die Unterstützung und Sympathie der Ulmer haben. Auch die derer, die keine Juden sind“, sagt Trebnik. Denn die Spenden seien nicht bloß von seinen Glaubensgenossen gekommen. Er hofft nicht nur auf jüdische Besucher, sondern auf möglichst viele andere Ulmer. „Ich freue mich, wenn viele Bürger da sind“, betont der Rabbiner.

Termin

Der Festzug zur Synagoge beginnt am Sonntag, 3. Dezember, um 16 Uhr am Rathaus.

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