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Ulm

10.07.2019

Ulms Theaterintendant Kay Metzger spricht über Erfolge und Enttäuschungen

Kay Metzger kann auf seine erste Spielzeit als Intendant in Ulm zurückblicken – und ist jetzt erst einmal urlaubsreif, aber auch ziemlich zufrieden mit den bisherigen Entwicklungen.
Bild: Alexander Kaya

Plus Kay Metzger ist seit einem Jahr Intendant am Theater Ulm. In seiner ersten Spielzeit hat er positive Erfahrungen gesammelt. Aber er spricht auch über Misserfolge.

Herr Metzger, in wenigen Tagen ist die Spielzeit zu Ende, das Theater Ulm geht in die Ferien. Wie urlaubsreif sind Sie nach dem ersten Jahr als Intendant in Ulm?

Kay Metzger: Ich gebe zu, ich bin urlaubsreif, und das hängt nicht nur mit dem ersten Jahr in Ulm zusammen, sondern auch mit dem Vorbereitungsjahr. Es ging zwei Spielzeiten heftig durch. Aber es ist eine Form der Müdigkeit, wie nach einem Marathonlauf: Man ist beseelt, aber auch erschöpft.

Sie hatten mit Stücken wie „Lucia di Lammermoor“, „My Fair Lady“, „Die Räuber“ oder „Terror“ populäre Produktionen im Programm. Zudem hat Ihr Haus Anstrengungen unternommen, um die Menschen an anderen Orten der Stadt anzusprechen. Hat die Umarmung des Publikums so geklappt, wie von Ihnen geplant?

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Metzger: Das müsste man das Publikum fragen. Aber ich kann für die Neuen im Team sagen: Wir sind angekommen. Und wir haben das große Glück, dass das Publikum unsere Arbeit offen, neugierig und zahlreich begleitet. Der Spielplan war sorgfältig kalkuliert, um das zu schaffen. Man darf nicht vergessen: Das Große Haus mit seinen 800 Plätzen ist gerade für das Schauspiel eine Herausforderung, da ist man klug beraten, gängige Titel zu bringen und so Vertrauen aufzubauen.

Bei der letzten Produktion im Großen Haus, „Von morgens bis mitternachts“, bleiben im Saal viele Plätze frei, wie oft bei anspruchsvolleren Stoffen. Fehlt dem Theater eine passende Spielstätte für solche Stücke?

Metzger: Wenn man ehrlich ist: ja. Uns fehlt ein mittlerer Raum für 300, 400 Besucher. Das Deutsche Theater in Berlin zum Beispiel hat um die 600 Plätze, wir eben 800. Mit Musiktheater kann man das super füllen, bei anderen Themen ist das schwieriger. Aber schreiben Sie jetzt nicht: Kay Metzger fordert eine dritte Spielstätte! (lacht)

Im Schauspiel des Theaters Ulm steht der nächste Umbruch bevor

Mit ihrem Amtsantritt hat sich auch ein neues Ensemble zusammengefunden, bekannte Gesichter, aber auch viele neue. Hat die Teambildung so funktioniert, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Metzger: Das kann man dick unterstreichen. Ich bin beglückt über die völlig neu geformte Tanzsparte unter Reiner Feistel, aber auch über die Integration der Neuen in die bestehenden Ensembles. Dass das so gut funktioniert hat und eine so hohe Qualität in allen Sparten da ist, schafft eine Basis, auf der man gut weiterarbeiten kann.

Im Schauspiel steht bereits der nächste Umbruch bevor, gleich vier Schauspieler verlassen Ihr Haus. Hat die Integration dort weniger gut funktioniert?

Metzger: In diesem Fall hat das nichts mit mangelnder Integration zu tun, sondern mit individuellen Lebensentwürfen. Zwei Schauspieler wollen noch einmal studieren, einer wurde von einem Staatstheater abgeworben. Solchen Veränderungswünschen sollte man als Theater nicht im Weg stehen.

Das Schauspiel galt vor ihrem Amtsantritt ein wenig als Sorgenkind, die Besucherzahlen hinkten dort hinterher. Wie beurteilen Sie die Lage jetzt nach der ersten Spielzeit unter Kay Metzger und Schauspieldirektor Jasper Brandis?

Metzger: Ich würde ein dickes Häkchen machen, auch wenn ich noch nicht die finale Besucherstatistik vorliegen habe. In den vergangenen Jahren gab es zumeist ein Stück, das es im Großen Haus über 70 Prozent Auslastung geschafft hat. Wir haben in dieser Spielzeit drei. Das ist ein gewaltiger Sprung. Wir haben eine tolle Mischung gefunden zwischen Podium und Großem Haus, auch mit zeitgenössischen Akzenten – und, ganz wichtig, Akzente für Kinder und Jugendliche.

Kay Metzger spricht über den größten Erfolg der Spielzeit - und die größte Enttäuschung

Würden Sie beim Musiktheater und beim Ballett nach dieser Saison auch ein solches Häkchen setzen?

Metzger: Ja. Ich finde, wir haben uns im Musiktheater hervorragende Künstler ans Haus geholt. Die Tanzsparte hat schnell große Sympathie beim Publikum gewonnen, auch wenn „Das kalte Herz“ etwas unter den Erwartungen geblieben ist. Was dieser Abend nicht verdient hat.

Was würden Sie sagen: Was war ihr größter Erfolg der Spielzeit?

Metzger: Ich messe das mal nicht an Besucherzahlen und hebe mal eine Produktion heraus, die mir inhaltlich und schauspielerisch sehr gut gefallen hat, „Jihad Baby!“ im Podium. Auf mich selbst bezogen habe ich mich sehr gefreut, dass wir bei „Written on Skin“ eine gute Quote erreichen werden. Zeitgenössisches Musiktheater mit zwölf Vorstellungen, das ist schon ein dickes Brett.

Und was die größte Enttäuschung? Was hat Sie geschmerzt?

Metzger: Bis in den Schmerzbereich ist es nicht gegangen! Ich räume ein, dass wir uns ein Jahr mehr Zeit für „Uli H.“ hätten nehmen sollen, auch wenn die Auslastung super war. Und was mich enttäuscht hat, war, dass die Operette „Der Vetter aus Dingsda“ in dieser spritzigen Inszenierung und mit diesem tollen Bühnenbild nicht die Zahlen erreicht hat, die wir erwartet hatten. Das ist uns intern noch immer ein Rätsel.

Ulms Intendant: "Die Wilhelmsburg ist eine richtig schwere Nummer"

Sie mussten gleich in ihrem ersten Jahr eine Produktion auf der Wilhelmsburg schultern, das Musical „Evita“. Der Zuschauerzuspruch ist enorm. Wie froh sind Sie, dass alles glatt ging?

Metzger: Da bin ich überaus glücklich. Die Wilhelmsburg ist eine richtig schwere Nummer. Gerade für die gesamte technische Abteilung bedeutet sie einen unglaublichen Aufwand. Aber ich habe mich in den vergangenen Wochen richtig verliebt in diese Spielstätte. Die Atmosphäre ist wunderbar, das hat in den Pausen fast Volksfestcharakter, dazu die wunderbare Kulisse. Es ist eine echte Marke für Ulm.

Welche Lehren haben Sie aus der zu Ende gehenden Saison für die nächste gezogen?

Metzger: Die Lehren können wir erst für die übernächste Spielzeit ziehen, den Spielplan für die nächste Saison, die Jubiläumssaison, haben wir zu einem Zeitpunkt gebastelt, da war die Spielzeit erst zu einem Drittel vorbei. Was ich unbedingt weiter behalten möchte, ist das Durchdringen der Stadt, da haben wir tolle Erfahrungen gemacht: „Theater an der Theke“, die „Vis-à-Vis“-Reihe, „Literatur unter den Dächern“ und, und, und.

Wird die Spielzeit durch das Jubiläum leichter?

Metzger: Natürlich schärft so ein Jubiläum das Bewusstsein in der Stadt. Seit 50 Jahren haben wir dieses tolle Theatergebäude von Fritz Schäfer. Aber entscheidend ist, was abends passiert, wir sind schon in den Proben für „Fidelio“ und den „Berblinger“. Ich denke, dass wir mit einem guten Gefühl in die neue Spielzeit gehen können.

Kay Metzger wünscht sich von den Ulmern eine größere Spontaneität

Glauben Sie, dass dann auch die überregionale Wahrnehmung ihres Hauses besser werden wird?

Metzger: Ich hoffe. Wir haben sehr viele Uraufführungen auf dem Spielplan, wir zeigen, dass Ulm als Entdeckerbühne einiges zu bieten hat. Aber das Wichtigste, das sind die Besucher vor Ort. Das ist für mich persönlich das schönste Resümee der Spielzeit: Dass ich Stadttheater machen kann und nicht mehr, wie in Detmold, auf den komplizierten Gastspiel-Markt schielen muss. In Ulm kann ich das Theater ganz auf die Stadt und die Region beziehen.

Was haben Sie in den ersten Monaten über Ulm und die Ulmer gelernt?

Metzger: Die Stadt hat ein gestandenes Publikum, hier gibt es eine große Tradition und eine große Kontinuität. Zuweilen wünschte ich mir eine größere Spontanität von den Ulmern. Bei den großen Produktionen dauert es fast immer zwei, drei Vorstellungen, bis es läuft. Manchmal denk ich mir: Kommt doch einfach rein und schaut, es tut nicht weh.

Die Bürger sind das eine, die Politik das andere. Der Kulturausschuss hat vor einigen Monaten dem 26,9 Millionen Euro teuren Technik-Neubau am Theater mit knapper Mehrheit zugestimmt – doch nun soll dieser in eine zweite Lesung im Gemeinderat gehen. Haben Sie davor ein bisschen Bammel?

Metzger: Ich hoffe, dass allen Verantwortlichen klar ist, dass es um einen wichtigen und nachhaltigen Schritt geht. Die Summe ist groß. Aber wenn man so einen Anbau angeht, sollte man in langen Dimensionen denken, an einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren. Ich erinnere an das Fritz-Schäfer-Gebäude: Das wurde damals ziemlich zusammengestrichen, was jetzt zum Beispiel die Folge hat, dass wir Stücke schnell abspielen müssen, auch wenn sie gut laufen, weil uns die Lagerflächen für Kulissen fehlen. So etwas verfolgt einen in der Theaterarbeit jahrzehntelang.

Ulms Intendant Kay Metzger: "Ich akzeptiere den Ulmer Weg"

In den Neubau soll nach aktuellem Stand auch das Kinder- und Jugendtheater der Stadt einziehen. Stadttheater und freie Szene unter einem Dach, kann das funktionieren?

Metzger: Das kann funktionieren, da bin ich sehr zuversichtlich. Es bedarf dafür klarer baulicher Abtrennungen. Ich glaube, dass es für die Junge Ulmer Bühne eine Herausforderung wird, sich selber deutlich abzugrenzen und nicht als Teil des Theaters Ulm wahrgenommen zu werden. Da haben wir es leichter.

Ich frage mal provokant: Wäre Ihnen eine vierte Sparte lieber?

Metzger: Ich antworte provokant: ja. Gar nicht, weil ich der freien Szene nichts gönne. Sondern ich finde, dass es für ein Stadttheater dieser Größenordnung wichtig ist, den Kinder- und Jugendbereich intensiv zu betreuen. Aber ich akzeptiere den Ulmer Weg – und es gibt auch ein kollegiales Miteinander mit der Jungen Ulmer Bühne.

Bei der bereits erwähnten Sitzung wurde aus der Grünen-Fraktion sogar die Zukunft des Drei-Sparten-Hauses infrage gestellt. Die Grünen sind nach der Kommunalwahl stärkste Fraktion im Gemeinderat. Spüren Sie weiterhin die Unterstützung der Politik bei den Anliegen des Theaters?

Metzger: Ich spüre sie schon sehr deutlich. Frau Mann hat eine interfraktionelle Arbeitsgruppe zu strukturellen Fragen im Theater gegründet und in dieser gab es sehr konstruktive Gespräche mit Vertretern aller Fraktionen. Man kann eine Sparte nicht ernsthaft zur Disposition stellen. Das gäbe einen Aufschrei in der Bürgerschaft.

Metzger über die AfD: "Es geht immer um die Stigmatisierung von Ausländern"

Was wäre denn aus Ihrer Sicht das wichtigste Zukunftsthema, bei dem Sie Unterstützung der Politik brauchen?

Metzger: Wir sind gut aufgestellt. Aber es gibt Bereiche, die zu wenig berücksichtigt worden sind – ich denke an das Arbeitspensum beispielsweise in den Gewerken, da hoffe ich, dass man peu à peu etwas bewirken kann. Ich möchte nicht, dass Menschen über Jahre hinweg ausgepresst werden wie eine Zitrone. Ich hätte natürlich auch nichts gegen zwei, drei zusätzliche Stellen im Musiktheater, im Schauspiel und im Ballett. Aber ich will realistisch bleiben.

Zuletzt machte das Theater Ulm bundesweit Schlagzeilen, weil es auf sozialen Netzwerken auf eine AfD-Anfrage im Stuttgarter Landtag mit einer eigenen satirischen Anfrage an die AfD geantwortet hat. Wie wichtig ist Ihnen die politische Haltung ihres Theaters?

Metzger: In diesem Fall war sie meinem Team und mir sehr wichtig. Da verlangte es eine deutliche Reaktion von Politik und Kulturschaffenden. Was die AfD in den Parlamenten mit ihren großen und kleinen Anfragen macht, ist ein permanentes Stochern in Richtung Ausländerfeindlichkeit. Es geht immer um die Stigmatisierung von Ausländern. Es war uns eine Herzensangelegenheit, da Stellung zu beziehen, weil wir viele großartige ausländische Ensemblemitglieder haben. Wir haben uns gesagt: Humor ist eine gute Waffe.

Kay Metzger, geboren 1960, ist seit der Spielzeit 2018/19 Intendant in Ulm. Davor war er in derselben Funktion zunächst amNordharzer Städtebundtheater in Halberstadt und Quedlinburg, dann am Landestheater Detmold tätig. Als Regisseur liegt sein Schwerpunkt auf dem Musiktheater, in Ulm inszenierte er zuletzt „Written on Skin“.

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