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Ulm

25.12.2020

Unesco-Kulturerbe: Das sind die Geheimnisse der Ulmer Münsterbauer

Wenn Steinmetze einen Stein verhauten, nennt man das Stück einen „Bernhard“. Damit solche Patzer nicht passieren, müssen Gesellen und Lehrlinge in der Münsterbauhütte ihre Werkzeuge beherrschen.

Plus Seit dem Mittelalter arbeiten Bauhütten wir in Ulm an den größten Kirchen – jetzt ist das Handwerk Unesco-Kulturerbe. Was steckt hinter der Tradition?

Um das über 800 Jahre gesammelte Spezialwissen europäischer Bauhütten von Domen, Münstern und Kathedralen zu bewahren, wurde dieses Bauhüttenwesen jüngst in die Unesco-Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen. Doch was ist eigentlich das Besondere am Bauhüttenwesen?

Es unterschied sich durch spezielle Regeln der Ausbildung bereits im Mittelalter von anderen Handwerksberufen. Und da gibt es besondere Begriffe, die mit dem Bauhüttenwesen zu tun haben. Was zum Beispiel ist ein „Bernhard“? Und warum gab es Hüttengeheimnisse, und gibt es sie heute noch? Ein Gespräch mit Andreas Böhm, Hüttenmeister der Ulmer Münsterbauhütte.

Ulms Münsterbauhütte zählt jetzt zum Unesco-Kulturerbe

„Es gibt kaum Bauhütten, die durchgehend vom Mittelalter bis heute tätig waren“, weiß Böhm. Bei den meisten Bauhütten kam irgendwann – wie in Ulm – aus finanziellen Gründen, oder weil man den Baustil der Gotik als veraltet ansah, ein Baustopp auf den Großbaustellen der riesigen Kirchengebäude. „Heute geht es nicht mehr darum, zu bauen, sondern diese Kirchen zu erhalten.“ Also musste man im 20. Jahrhundert Bautechniken des Mittelalters wieder erlernen – trotz des Einsatzes modernster Technik. Ob er „leider“ oder „Gott sei Dank“ sagen soll, dass Roboter im Erhalt dieser Kirchengebäude nicht alles können, sondern dass es auf Kenntnisse von Stein und mittelalterlichen Handwerkstechniken ganz entscheidend ankommt, könne er nicht entscheiden, sagt Böhm. Entstünden beispielsweise Wasserspeier nur durch Computertechnik, wären sie seelenlos reproduzierbar. Ihren Charme machen gerade auch Eigenheiten aus, die aus kleinen Fehlern resultieren.

Ulms Bauhüttenmeister Andreas Böhm.
Bild: Dagmar Hub

Einen Stein zu verhauen, das passiere heute relativ selten, sagt Böhm. Die Tradition des Mittelalters im Umgang mit einem verhauenen Stein pflegt die Münsterbauhütte trotzdem: Ein solches missglücktes Werkstück nennt man „Bernhard“ oder „Totenbernhard“. Solche Stücke werden am 8. November, dem St. Bernhards-Tag, ritualisiert begraben – nicht ohne dabei noch einmal auf den Fehler des Steinmetzen einzugehen. Die Tradition, so einen misslungenen „Bernhard“ zu begraben, geht auf eine steinerne Statue von Bernhard von Clairvaus zurück, die Steinmetzen um das Jahr 1190 verunglückt war und bei der feineren Ausarbeitung zerbrach.

Die Steinmetzen der Münsterbauhütte feiern den Bernhardstag

Hintergrund der Eigenart, dass die Steinmetze einander gegenseitig auf die Finger schauen, ist der Umstand, dass – anders als in der Industrie – keine Prüfung des Auftraggebers existiert. „Das Ziel ist es, immer besser zu werden“, sagt Böhm. Dazu gehören auch kleine „Erziehungsmaßnahmen“: Lässt ein Steinmetz beispielsweise ein Werkzeug liegen, muss er einen „Bernhard“ bezahlen – einen Euro. Diese kleinen Strafen schaffen einen finanziellen Grundstock für eine Feier der Steinmetze am Bernhardstag – dabei wird derjenige zum „Bernhardkönig“ ernannt, der die meisten Fehler gemacht hat. Dass er sich Spott gefallen lassen muss, versteht sich von selbst.

Die Schutzheiligen der Steinmetze sind vier römische Steinmetzen, die „Quattuor Coronati“, also „vier Gekrönte“, genannt werden. Sie sollen sich in der Zeit der römischen Christenverfolgung im Jahr 302 geweigert haben, die Statue einer römischen Gottheit herzustellen, und sollen mit Dornenkronen in Särgen in einem Fluss ertränkt worden sein.

Ein Wasserspeier am Ulmer Münster – renoviert von der Bauhütte.
Bild: Dagmar Böhm

Die Steinmetze sind eng mit der Bauhütte verbunden, auch in Ulm

Eine der Besonderheiten ist die enge innere Verbindung der Steinmetze mit ihrer Bauhütte: Am Ende ihrer Lehrzeit, bei der Freisprechung, erhalten junge Gesellen noch heute ein eigenes Steinmetzzeichen verliehen. Solche Kennungen waren schon in der Antike üblich und entwickelten sich zu einer Art Auszeichnung. Er spüre den Stolz der jungen Gesellen auf ihr Steinmetzzeichen, sagt Böhm. „Manche lassen es sich sogar tätowieren.“ Andere nutzen es als ihr ganz persönliches Symbol oder Profilbild in den sozialen Medien.

Hoch begehrt unter Bauhütten sind Steinmetzen, die hohes Fachwissen haben. Böhm weiß vom Fall eines Steinmetzen, der unter vier Bauhütten wählen konnte, als er sich bewarb. Auch Ulm hätte ihn gern gehabt, letztlich ging er aber nach Basel. 2021 wird in der Ulmer Münsterbauhütte ein neuer Lehrling beginnen – Bewerbungen um die Stelle gab es aber mehrere. Dennoch sei nie sicher, ob jemand wirklich für diese spezielle Ausbildung geeignet ist. „Manche lesen davon und finden es einfach cool“, sagt Böhm. Man müsse sich aber intensiv mit althergebrachten Besonderheiten dieses Berufs beschäftigen und sie lieben, um ein wirklich guter Steinmetz zu werden. Man müsse sich bewusst sein: Das, was man schafft, reicht weit über das eigene Leben hinaus.

Dies ist das Steinmetzzeichen, das die junge Gesellen verliehen bekommen.
Bild: Dagmar Hub

Das Hüttengeheimnis gibt es nicht mehr, sagt Hüttenmeister Andreas Böhm

Und das Hüttengeheimnis, das Verbot, dass Steinmetzen außerhalb der Bauhütte etwas über ihre Kenntnisse erzählen? „Das existiert so nicht mehr“, sagt der Hüttenmeister. „Es gibt keine Konkurrenz mehr unter den Bauhütten. Von unseren Erfahrungen sollen andere profitieren.“ Worunter man als Steinmetz aber leide, weiß Böhm: „Wir gehen zehn Jahre lang mit der Nase direkt an unserer Arbeit vorbei.“ Da sehe man jedes noch so kleine nicht-perfekte Detail. „Man braucht auch den Blick aus 50 Metern Abstand.“

Zum Kulturerbe Bauhütte ist im Verlagshaus Klotz der Band „Europäische Bauhütten“ erschienen, an dem noch der frühere Ulmer Münsterbaumeister Michael Hilbert mitwirkte.

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