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Theater Ulm

12.01.2020

Uraufführung: "Sprachlos" zeigt die Gewalt der Gefühle am Ende einer Liebe

Nahkampf zwischen Mann (Maurizio Miksch) und Frau (Marie Luisa Kerkhoff): So sieht es aus, wenn in „Sprachlos die Katastrophe im Bereich der Liebe“ eine Beziehung mit aller Wucht in die Brüche geht.
Bild: Marc Lontzek

Plus Was passiert, wenn Liebe verloren geht? Das Stück „Sprachlos die Katastrophe im Bereich der Liebe“ zeigt am Theater Ulm eine Beziehung am Abgrund.

„Wer mehr liebt, ist immer der Schwächere.“ Der italienischen Tragödin Eleonora Duse wird dieser Satz nachgesagt. Wie ein Lehrstück für die These der großen Duse wirkt die jüngste Uraufführung im Podium des Theaters Ulm: „Sprachlos die Katastrophe im Bereich der Liebe“ der aus Halle stammenden Autorin Henriette Dushe illustriert in starken Bildern die Enttäuschung – oder „Ent-Täuschung“? – eines Paares, den Weg von der Verliebtheit in die Verachtung. Marie Luisa Kerkhoff und Maurizio Miksch führen den Zuschauer dabei als namenloses Paar durch die bitteren Stationen dieses Weges.

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Für schwache Nerven ist Jessica Sonia Cremers Inszenierung des jüngsten Dushe-Bühnenstücks nicht geeignet, aber Marie Luisa Kerkhoff und Maurizio Miksch verstehen es perfekt, scheinbar fast emotionslos zu spielen – gingen dem Paar doch die Gefühle längst verloren. In winzigen Untertönen jedoch toben sich die Enttäuschung und die Bitterkeit aus. Irgendwann sind selbst ein Faustschlag und sexuelle Gewalt immer noch Berührungen, wenn man sonst nichts mehr miteinander zu tun hat.

Der Mann hat keine Lust, die Frau sucht die Rückversicherung der Gefühle

Dieser Mann (Maurizio Miksch) ist vor allem eines: bequem. Keine Lust, die leeren Weinflaschen aus der Wohnung zu entsorgen. In den Tag hineinleben, mit sich selbst oder mal mit einer Frau, wenn sich das gerade anbietet. Der Mann hält Liebesbeziehungen für austauschbar. Und plötzlich sitzt eine hübsche junge Frau (Marie Luisa Kerkhoff) auf der Bank vor seiner Tür. Und gerade dieses lebensfrohe und attraktive Wesen will nicht irgendeinen Mann, sie will diesen.

Uraufführung: "Sprachlos" zeigt die Gewalt der Gefühle am Ende einer Liebe

Ziemlich schnell aber beginnt der Beziehungskiller-Kreislauf: Die Frau sucht die Rückversicherung der Gefühle; sie möchte nicht nur im Bett geliebt werden, sondern sie möchte auch Worte der Liebe hören. Und weil da nichts kommt, rein gar nichts, stellt sie die Frage, die manche Männer vielleicht am meisten fürchten: „Liebst du mich?“ Je mehr die Frau hilflos um Zeichen und Worte der Liebe bettelt, desto mehr flüchtet sich der Mann aus der Ringkampf-Arena mit Solo-Sportgeräten (Ausstattung: Maike Häber) unbeteiligt auf den Schiedsrichtersitz. Ihre Flucht geht gern zum Karussellpferd außerhalb des Kampfringes – hinein in Prinzessinnenträume der Kindheit.

Das Stück von Henriette Dushe spielt mit Klischees und Floskeln

Die nächste Stufe aus Oben und Unten beginnt damit, dass die Frau die wahrscheinlich zweitfalscheste Frage stellt: „An was denkst du?“ Und gleich danach auch noch: „Denkst du an mich?“ Vermutlich sind es tatsächlich geschlechtsspezifische Unterschiede, die aktiv sind in den – immer wieder von Paartherapeuten bestätigten – Klischees von der Frau, die emotionale Tiefe sucht, und vom Mann, der lieber gemeinsam etwas tut.

Henriette Dushes Paar in der „Katastrophe im Bereich der Liebe“ hat grundlegend verschiedene Erwartungen und Sehnsüchte im Bezug auf Beziehung, und es tappt fast schon erwartbar in die klassischen Fallen – bis hin zu Gewalt, Depression und einem inszenierten Selbstmordversuch. Verantwortung für die Unfähigkeit, die eigenen Bedürfnisse auszudrücken und die des anderen zu verstehen, übernimmt keiner von beiden.

Eine Fehlgeburt führt zum endgültigen Bruch zwischen Mann und Frau

Unheilbar wird die Situation wohl in dem Moment, als die Frau eine Fehlgeburt erleidet, der Mann ihr vorwirft, diese quasi provoziert zu haben, und die Frau nicht darüber hinwegkommt, dass der tote Fötus nicht begraben wurde. Letztlich aber steht die Schwangerschaft mit einem Kind, das sich nicht weiterentwickeln kann, symbolisch für diese Beziehung: Da wächst nichts. Das ist der stärkste Eindruck des neuen Stückes von Henriette Dushe: Es wächst nichts, wenn ein Paar kein gemeinsames Ziel hat und nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Wo einst ein Meer von Blüten war, bleibt eine Wüste von zerrissenen Liebesbriefen und Zetteln voll von Vorwürfen, aus einer Zeit, als Schweigen die direkte Kommunikation ersetzt hat.

Das Theater Ulm entschied sich, nicht wie von Henriette Dushe vorgegeben die „Katastrophe im Bereich der Liebe“ bei jeder Aufführung anders aus vorgegebenen Sprachfolien entstehen zu lassen, sondern entschied sich für eine feste Abfolge der Szenen, in denen sich Monologe und Dialoge des scheiternden Paares in Form von Rückblicken und gegenwärtigen Momenten abwechseln. Die Wahl ist klug, weil absolut schlüssig.

Die nächsten Aufführungen von "Sprachlos die Katastrophe im Bereich der Liebe" sind am 15., 17., 24. und 30. Januar. Weitere Infos: www.theater-ulm.de

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