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Ulm

14.02.2017

Verbitterung auf dem Stundenplan

Lehrerin und Schülerin: Maria Callas (Barbara Schmidt, rechts) und Sophie (Leonie Haßfeld).
Bild: Dagmar Hub

„Meisterklasse“ im Akademietheater zeichnet Sängerin Maria Callas als Frau mit vernarbter Seele. Doch die stärksten Leistungen in Nick Körbers Inszenierung zeigen ihre Schützlinge.

„Vergessen Sie mich einfach. Puff. Ich bin unsichtbar“, lässt Terrence McNally Maria Callas in seinem 1995 entstandenen Broadway-Erfolg „Meisterklasse“ sagen. So einfach ist das für das Publikum nicht: Denn um niemanden geht es in „Meisterklasse“ mehr als um die Callas. Ihre Schülerinnen sind nur Reflexionsfläche für die gnadenlos perfekte, bittere und tief verletzte Diva, die den Zenit ihrer Laufbahn überschritten hat. Der erst 20-jährige Nick Körber wagt in seiner Produktion am Akademietheater, „Meisterklasse“ nicht mit professionellen Sängerinnen, sondern mit AdK-Schülerinnen zu besetzen. Die vollbringen neben Barbara Schmidt als Callas eine starke Leistung – wenn McNallys Stück durch dieses Wagnis auch ganz anders wirkt als vor sechs Jahren am Theater Ulm.

Zwei Stunden im Leben der Callas, 1977 an der New Yorker Julliard School of Music, zwei Wochen vor dem plötzlichen Tod der damals 53-jährigen Sopranistin: Barbara Schmidt gibt eine dominierende, scharfzüngig-aggressive Callas, die ihre Schülerinnen demütigt, verunsichert, verletzt – dies aber aus einem brennenden Wunsch heraus, ihnen den wahren Ausdruck zu vermitteln. Leonie Haßfeld schlüpft in die Rolle der tapfer gegen diese Frau ankämpfenden Gesangsstudentin Sophie de Palma, gibt ihr in den Beschimpfungen der Callas eine erfrischend freche Klappe, die immer wieder durchkommt, und ein kesses Lächeln, das sich nicht unterkriegen lassen will. Anders Miriam Morlok, die als Gesangsstudentin Sharon Graham einen wesentlich schwierigeren Part zu singen hat und das bravourös meistert – wenn auch unter Tränen. Morloks Sharon ist die sensiblere der beiden Gesangsschülerinnen und deshalb Zielscheibe schärferer verbaler Zerstörungswut durch die Callas.

Die große Überraschung auf der Bühne ist die junge Marianne Mai, die am Akademietheater bereits im vergangenen Sommer mit der weiblichen Hauptrolle der Djamila in „Herzschlag“ begeistert hatte: Sie verkörpert die Pianistin jener Meisterklasse-Gesangsstunden der Callas, überzeugt mit ausdrucksvollem Klavierspiel – und obwohl sie den Platz am Klavierhocker praktisch nicht verlässt, sagt ihr Augenaufschlag als jeweilige Reaktion auf die Allüren der Diva mehr als viele Worte.

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Dass „Meisterklasse“ eigentlich als Komödie gedacht ist, bei der dem Zuschauer das gelegentliche Lachen im Hals stecken bleibt, kommt etwas kurz in Körbers Inszenierung, ebenso manche Facetten der „Göttlichen“, die Barbara Schmidt sehr in die Aura der Aggression kleidet. Der Text und vor allem die Szene des Zusammenbruchs gäben sie her, all die feinen Einblicke in die tief vernarbte Seele der Diva, die sich nie davon erholte, dass der griechische Reeder Aristoteles Onassis sie zurückwies, zur Abtreibung des gemeinsamen Kindes zwang und die Kennedy-Witwe Jacqueline heiratete. In eine Seele, die schon Narben davon trug, als übergewichtige, wenig hübsche junge Frau stets im Schatten anderer gestanden zu haben.

Im Mittelpunkt der Welt zu stehen ist Triumph, ist Rache an den Demütigungen der Vergangenheit.

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