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Ulm/Landkreis Neu-Ulm

14.01.2020

Verdrängen Streamingdienste die CD-Regale aus den Büchereien?

Ein Bild, das vielleicht der Vergangenheit angehört: ein volles CD-Regal in einer Bücherei. Viele Bibliotheken, auch in Weißenhorn und in Ulm, wollen ihre Kunden nun eine Mitgliedschaft mit Musik-Streaming-Angeboten schmackhaft machen.
Bild: Alexander Kaya

Plus Kunden der Stadtbibliothek Ulm können mit ihrem Mitgliederausweis nun Musik streamen. Bibliothekarinnen erzählen, wie digital eine Bücherei heute sein muss.

Die Diagnose scheint endgültig: Die CD als Medium liegt im Sterben. Ihr Vorgänger, die Schallplatte, hält sich auf dem Musikmarkt nur knapp am Leben, als Fossil für Liebhaber. Die Musikkassette verschwand schon Ende der 90er-Jahre schleichend aus allen Verkaufssortimenten, gemeinsam mit ihrer großen Schwester, der VHS-Videokassette. Doch wohin geht die Entwicklung? Die Stadtbibliothek Ulm setzt seit Dezember auf einen Trend, der CD-Regale in Büchereien überflüssig machen soll. Mit „Freegal“, einem Streamingdienst für Bibliotheken, können Kunden der Bücherei Musik hören. Diese Alternative zu Spotify, Apple, Deezer hat aber Schwächen: Ihr Sortiment und ihre Nutzungsdauer sind aber begrenzt. Maximal drei Stunden am Tag lässt sich mit der App streamen – und aus der Reihe der namhaftesten Künstler sind nur jene abrufbar, die bei „Sony Music“ unter Vertrag stehen.

Johanna Gürster, Leiterin der Stadtbücherei Weißenhorn hat Erfahrungen mit Freegal gemacht. 2017 erwarb ihre Bücherei eine Lizenz für diesen Dienst, im vergangenen Jahr verzeichnete sie 14.000 Abrufe für die Bibliothek – das heißt: 14000 Mal haben Gürsters Kunden Titel gestreamt. „Wir sind sehr zufrieden mit der Nutzung, die Zahlen gehen ganz kontinuierlich nach oben“, sagt die Bibliothekarin. „Ein bisschen schade ist es aber, dass Freegal längst nicht so eine große Auswahl bietet wie zum Beispiel Spotify.“ Etwas USA-lastig sei das Musikprogramm von Freegal – und ansonsten biete es nur Volksmusik und Schlager in voller Bandbreite. Dieser Service ist nicht billig. „Natürlich wollen solche Dienste bezahlt sein und zwar nicht zu knapp“, sagt Gürster, die aber die konkreten Kosten nicht beziffern möchte.

Die Leiterin der Stadtbücherei Weißenhorn hat das CD-Sortiment ausgedünnt

Für Nutzer ist Streaming bequem: Zweimal gewischt, einmal geklickt und das passende Lied beginnt. Doch dahinter stecke Software, eine digitale Infrastruktur und „ein ganzer Rattenschwanz“ an Arbeit für die Büchereien, sagt Gürster. Bücher bestellen und im Regal platzieren, dieses Konzept genügt aus Sicht der Bibliothekarin nicht mehr. CD-Regale hat sie in jüngster Zeit stark ausgedünnt. „Wir sind da mittlerweile sehr zurückhaltend beim Einkauf. Außer ein Mega-Künstler veröffentlicht ein Album und die Bravohits haben wir auch noch im Angebot.“

Verdrängen Streamingdienste die CD-Regale aus den Büchereien?

Mehr als 20.000 Bücher und 4000 weitere Medien verzeichnet die Bücherei Weißenhorn. Seit 2017 ermöglicht sie auch die „Onleihe“, im Verbund von 22 schwäbischen Bibliotheken. Hier lassen sich E-Books und Hörbücher downloaden. Das Interesse an Hörbüchern sei enorm, berichtet die Leiterin: „Das läuft hier in Weißenhorn wie geschmiert.“ Doch die Kunden, die digitale Bücher lesen, kaufen und leihen, seien etwa 40 bis 65 Jahre alt. Gegen die mangelnde Lust am Lesen, die unter Kindern und Jugendlichen grassiert, seien E-Books kein Allheilmittel. Und dieses Problem betreffe alle Bibliotheken. Güster sieht ihre Bücherei trotzdem auf dem richtigen Weg. Im Frühjahr will sie die Lizenz für „Onilo“ erwerben, einen Dienst, der sogenannte Bilderbuchkinos und Boardstorys anbietet. Damit lassen sich auf großer Leinwand interaktive Vorträge und Unterrichtseinheiten gestalten – ganz digital, aber doch in einer analogen Gemeinschaft, die sich vor dem Bildschirm tummelt.

Der Beruf der Bibliothekarin hat sich grundlegend verändert

Güsters hat 1980 ihre Ausbildung als Bibliothekarin abgeschlossen – da gab es noch keine CDs auf dem Markt. „Das war damals ein anderer Beruf. Computer, Hardware, Software, darüber haben wir nichts gelernt. Aber das Leben entwickelt sich weiter und das ist auch gut so.“

Der Weg zum Büro der Stadtbücherei Neu-Ulm führt durch einen Gang zwischen hellen, hölzernen Regalen. Rechts DVDs mit Klassikern, Komödien und der jüngsten Horrorverfilmung eines Sebastian-Fitzek-Romans. Links CDs von Adele, Sarah Connor und den Beatles. Und diese Beatles gibt es bei Freegal nicht im Sortiment. „Wir sind nicht überzeugt von diesem Streaming-Produkt“, sagt Michaela Horak. Der Preis sei einfach zu hoch für die eingeschränkte Leistung. Um derartige Lizenzen zu erwerben, müsse man eine bis zu fünfstellige Summe investieren. Seit eineinhalb Jahren leitet Horak gemeinsam mit Stephanie Schütz als Doppelspitze diese Bücherei. 70000 Medien führt die Bibliothek – und bietet kein Streaming an.

Der Streamingdienst "Freegal" bietet nur ein eingeschränktes Musikangebot

Horaks Kollegin Schütz ergänzt: „Für ein Publikum, das Jazz oder Klassik mag, kann dieses Angebot vielleicht genügen. Aber ein junges Publikum erreicht man auf diesem Weg höchstwahrscheinlich auch nicht.“ Viele Jugendliche hätten sowieso einen freien Spotify-Account oder eben einen bequemen und kostenfreien Zugriff auf das sowieso schon bezahlte Familienkonto beim Streaming-Dienst.

Analog, verstaubt, aus der Zeit gefallen – Horak kennt die Klischees, mit denen Büchereien zu kämpfen haben. Doch ihre Bibliothek bezeichnet sie als Arbeits- und Lernraum: Hier gibt es eine Kaffeeecke, Computer und Empfang für das freie WLAN der Stadt. Schüler nutzen die Stühle und Tische zwischen den Regalen, um Hausaufgaben zu erledigen. Ihre Bücherei bietet zwar auch die „Onleihe“ an und das Interesse an digitalen Medien steigt weiter. „Wir haben keine Angst, das bald nur noch E-Books verkauft werden“, sagt Schütz. „Wie die Lage in zehn Jahren aussehen wird, können wir aber noch nicht vorhersagen.“

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