1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Vergessenes Kirchensilber

Pauluskirche

02.11.2012

Vergessenes Kirchensilber

Copy%20of%20P1210252.tif
3 Bilder
Prächtiger Augsburger Taufkelch – nachgewiesen für die Dreifaltigkeitskirche.

Wiederentdeckte mittelalterliche Altargeräte finden Einzug ins Ulmer Museum

Ulm Eigentlich hatte man nur den Tresorraum der Pauluskirche aufräumen wollen. Dass dabei vergessene Schätze zutage kommen würden, hätten sich Rolf Engelhardt und Adelbert Schloz-Dürr, die beiden Pfarrer der Paulus-Kirchengemeinde, nicht vorstellen können: Entdeckt wurden historische liturgische Geräte, die Eva Leistenschneider vom Ulmer Museum teilweise datieren und zuordnen konnte. Vier wertvolle alte Kelche, ein prächtiger Taufkrug und fünf Hostienteller, Patenen genannt, werden demnächst als Dauerleihgabe die Sammlung des Ulmer Museums bereichern.

Jüngere liturgische Geräte und solche ohne stadtgeschichtlichen Bezug wie ein aus Amsterdam stammender Taufkrug bleiben in der Pauluskirche. Am kommenden Sonntag, 4. November, werden die Schätze der Goldschmiedekunst der Leiterin des Ulmer Museums, Dr. Gabriele Holthuis, im Rahmen eines Gottesdienstes mit anschließender Matinée übergeben; Beginn ist um 10 Uhr. Im Rahmen der Matinée ab 11 Uhr haben Interessierte die Möglichkeit, die liturgischen Geräte genauer zu betrachten, die Eva Leistenschneider erläutert. Nur wenige liturgische Geräte des Mittelalters überstanden in Ulm die Reformation. Deshalb sind die Ältesten der in der Pauluskirche wiedergefundenen Altargeräte für Leistenschneider faszinierend und von hoher Bedeutung. „In Ulm verschwand das liturgische Gold und Silber durch die Reformation fast vollständig“, sagt sie. „Das Kirchensilber, auf das der Rat der Stadt Zugriff hatte, wurde damals konfisziert und ins Steuerhaus gebracht. Was dann mit den Geräten passierte, darüber gibt es keine Informationen.“

Ein Wappenkelch gibt noch Rätsel auf

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Mit der Reformation wurden Reliquiare und Gegenstände, die für Sakramente gedient hatten, die nun keine mehr waren, überflüssig und standen unter dem Vorwurf kirchlicher Prunksucht. Liturgische Gegenstände für Taufe und Abendmahl mussten nun schlicht sein. Zumeist dürften diese wertvollen Gegenstände eingeschmolzen worden sein; einige Objekte, sagt Dr. Eva Leistenschneider, seien noch im 18. Jahrhundert nachweisbar, aber dann verkauft worden. Am ehesten erhielten sich Kelche, Hostienteller und in geringer Zahl Altarkreuze.

Im Münster könnte es ebenfalls noch solche Geräte geben, vermutet Dr. Eva Leistenschneider. Auf welche Weise die in der Pauluskirche wiederentdeckten Altargeräte in die erst 1908 bis 1910 erbaute ehemalige Garnisonskirche kamen, ist ungeklärt. Pfarrer Rolf Engelhardt vermutet, dass sie aus dem Kirchenschatz der im Bombenhagel des 17. Dezember 1944 weitgehend zerstörten Dreifaltigkeitskirche stammen, von der nur Chorraum und Sakristei den Zweiten Weltkrieg überstanden, und dass sie von dort in die Pauluskirche gebracht wurden. Unter den vier silbernen, vergoldeten Altarkelchen, die bald im Ulmer Museum zu sehen sein werden, sind zwei durch eingravierte Jahreszahlen zeitlich genau einzuordnen.

Ein Kelch, der im Fuß ein aufgelötetes Wappenfeld trägt, weist die Jahreszahl 1481 auf. Der im Wappen zu lesende Name Lenhart Strobel gibt Dr. Eva Leistenschneider noch Rätsel auf, denn der Familienname war bisher für das spätmittelalterliche Ulm kein Begriff. Ein zweiter Kelch mit den eingravierten Worten „HALGER GAIST“ stammt aus dem Jahr 1518 und trägt ein unbekanntes graviertes Meisterzeichen, das möglicherweise auch ein vereinfachtes Zeichen des Ulmer Hüttenamtes sein könnte, und ein graviertes Monogramm „NG“; das Dekor erscheint identisch auf einem der entdeckten Hostienteller.

Im Zeichen des Ulmer Hüttenamts

Ein dritter vorreformatorischer und ein wohl bald nach der Reformation entstandener Kelch tragen beide das Zeichen des Ulmer Hüttenamtes. Auf mehreren der Altargeräte ist ein „A“ zu sehen, das Zeichen des mittelalterlichen Ulmer Pfarrkirchenbaupflegamts, das vor allem für den Münsterbau, aber auch für die anderen Kirchen der Stadt zuständig gewesen war. Das prächtigste unter den liturgischen Geräten ist eine üppig dekorierte silberne, vergoldete Taufkanne mit dem eindeutig Augsburg zuzuordnenden Beschauzeichen eines Pinienzapfens und der Meistermarke „SW“, der Punze des Goldschmieds Simon Wickart. Die Deckelinnenseite verrät: „Gott zu Ehren stüfft ich diße Kirch Wilhelm Schweigger u Anna Nüßerin“. Die Zugehörigkeit dieser barocken Taufkanne mit Darstellung der Dreifaltigkeit im Kannenbauch zur Ulmer Dreifaltigkeitskirche ist nachgewiesen.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20DSC06270.tif
Ulm

Plus Diese Frau hat ein Springerle für jede Lebenslage

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen