Neu-Ulm/Ulm

28.06.2016

Verloren am Fluss

Einblicke in eine verborgene Welt: Das „ungleiche Trio“ fotografierte Udo Eberl in einer Garage in Bratislava.
Bild: Udo Eberl

Der Fotograf Udo Eberl besuchte für „Under the Bridge“ Obdachlose in sechs Donaustädten. Seine Aufnahmen sind nun beim Donaufest zu sehen – die Geschichten bewegen ihn bis heute.

Die Augen verfolgen ihn bis heute. Augen, aus denen die Verzweiflung spricht, die Gebrochenheit, die Trauer, die Dramatik eines gescheiterten Lebens. Aber manchmal auch der Mut und die kleine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Udo Eberl hat in diese Augen geblickt, als er für sein Fotoprojekt „Under the Bridge“ zu Menschen in den Donauländern reiste, die am Rande der Gesellschaft stehen: In sechs Städten – Belgrad, Budapest, Bratislava, Wien, Passau und Ingolstadt – begleitete er Obdachlose und hielt sie und ihre Lebensumstände mit der Kamera fest. „Under the Bridge“ wirft zur zehnten Ausgabe des Donaufestes einen Blick auf die Gestrandeten.

Für den gelernten Journalisten Eberl, der im Kulturleben der Doppelstadt unter anderem durch literarische Performances bekannt ist, war die Reise zu den Ausgestoßenen eine völlig neue Erfahrung. „Es hat mich mehr mitgenommen, als ich dachte.“ Das Konzept, das bereits 2015 stand, habe sich verändert, als er sich im Winter und Frühjahr dieses Jahres auf den Weg machte. „Am Anfang dachte ich: Du musst Länderpunkte sammeln“, erzählt Eberl – also möglichst viele Städte in möglichst vielen Donaustaaten besuchen. Doch von dieser Idee habe er Abstand genommen: Er habe gespürt, dass er sich auf die Menschen einlassen, mehr Zeit mit ihnen verbringen müsse.

„Under the Bridge“ soll kein voyeuristischer Blick auf das Elend am Rand der Gesellschaft sein. Kein Foto entstand gegen den Willen der Abgebildeten. Sozialarbeiter in den jeweiligen Städten halfen Eberl, in Kontakt mit den Obdachlosen zu kommen. „Es ging mühsam los“, sagt der 56-Jährige. So habe er in Budapest zunächst keinen Erfolg gehabt. Dann ein Anruf. Er habe etwas, ob er am Montag kommen könne, habe der ihn gefragt. Eberl konnte. „Und dann stand ich mit zitternden Händen in einem Junkie-Haus“, erinnert sich der Fotograf. Er besuchte Wärmestuben, Bretterverschläge, Schlafplätze in öffentlichen Toiletten – und natürlich auch Lager unter Brücken.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Manchmal hätten 15 Minuten gereicht, um in Kontakt zu kommen, manchmal dauerte es drei Tage, bis ein Bild entstehen konnte. „Die Geschichten dieser Menschen sind zum Teil so intensiv, dass sie einem schlaflose Nächte bescheren. Etwa die des Obdachlosen in Belgrad, der seit Anfang 30 auf der Straße lebt, weil er es in seiner Wohnung nicht mehr ausgehalten hat. Die der jungen Roma-Frau, die der Liebe wegen ins Elend gegangen ist. Oder die des Mannes in Ingolstadt, der vor fünf Jahren noch Haus und Familie hatte. Dann kamen Scheidung, Sorgerechtsstreit, Absturz. „Jetzt hat er mittags um halb eins schon 1,5 Liter Wein intus“, berichtet Eberl. Alkohol und Drogen sind allgegenwärtig in dieser Welt, aber nicht immer sei klar, ob es die Sucht war, die diese Menschen abstürzen ließ, oder ob ihnen der Rausch hilft, ihr Leben zu ertragen. Ob es für sie einen Weg zurück ins geregelte Leben gibt? „Viele haben sich verabschiedet“, sagt Eberl. „Sie erzählen dir von ihren vagen Träumen, glauben aber selbst nicht daran.“

Aber in all der Trostlosigkeit glimmt auch noch der Funke des Lebens. Und auch das ist in den Fotografien zu sehen: Momente der Freude, Herzlichkeit, Zärtlichkeit. Udo Eberl hat nicht einfach die Not dokumentiert, sondern Menschen fotografiert – in oft sehr eindrücklichen Porträts. In denen blicken sie einem entgegen, die Augen, die den Fotografen so sehr ins Herz getroffen haben. Sie sollen nun auch die Besucher des Donaufestes anrühren: als großformatige Abzüge bei einer Ausstellung im Edwin-Scharff-Haus aber auch auf dem Festgelände an der Donau, manche ganz leicht einsehbar, manche versteckt. Ein Abschluss ist das Donaufest nicht: Eberl will sein Projekt in den kommenden Jahren weiterführen, weitere Städte besuchen, mehr Bilder machen. Am Ende, so wünscht er sich, soll „Under the Bridge“ in einen Fotoband münden.

Die Ausstellung „Under the Bridge“ wird am Montag, 4. Juli, um 19 Uhr im Edwin-Scharff-Haus eröffnet. Die Vernissage wird musikalisch begleitet von Matthias Lobiner an der Drehleiher. Zur Einführung spricht Jens Döring, Professor für Interaktionsgestaltung an der Hochschule der Gestaltung in Schwäbisch Gmünd.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Revue_Eisstand.tif
Weißenhorn

Umjubelte Schlager-Revue: Die Hits regnen wie Konfetti

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden